Minister-Memoiren. „Also kochte ich innerlich vor Wut“: Die Grünen kommen in den Erinnerungen von ihrem Parade-„Realo“ Joschka Fischer nicht gut weg.
In der mächtigen Autobiografie der US-Außenamtschefin Madeleine K. Albright (1997-2001) wird der deutsche Außenminister Joschka Fischer (1998-2005) in sechs kurzen Passagen und einer Fußnote (über seine Leidenschaft für den Fußball) erwähnt. Sie lässt keinen Zweifel daran, wer bei diesen deutsch-amerikanischen Begegnungen die Hosen anhatte. Fischer sei aber ein „unverhoffter und deshalb besonders wichtiger Verbündeter“ gewesen, konzediert Albright. Sie charakterisiert ihn als Paradox. Er sei ein überzeugter Pazifist, der sich im Kosovo-Krieg vehement gegen eine Feuerpause im Bombardement gegen die Serben wandte.
Dieser bisher letzte Balkan-Krieg ist auch das Kernstück des ersten Teils von Fischers autobiografischer Rechtfertigung seiner Amtszeit. „Die rot-grünen Jahre. Deutsche Außenpolitik – vom Kosovo bis zum 11.September“ lautet der Titel des eben erschienenen Werkes. Das Kriegskapitel betitelt Fischer mit „Der rot-grüne Albtraum“. Es zeigt sein Dilemma am deutlichsten. Wie gewinnt man Wahlen, wie regiert man als Frontmann einer Partei, die sich regelmäßig lustvoll in Extreme flüchtet? Fischer fragt sich nach der Angelobung am 27.Oktober 1998, ob die Grünen erfahren genug, aufgeräumt genug im Kopf, hart genug seien für die Herausforderung des Regierens.
Er gibt zwei eindeutige Antworten: Der „Realo“ Fischer, der Ex-Sponti, ist aufgeräumt genug, seine jugendlichen Ideale der Realität der Macht zu opfern, nicht aber der überwiegende Rest der Grünen, an deren linker Borniertheit er fortwährend leidet. Fischer hat also zwei Erinnerungsbücher geschrieben, die Geschichte seines persönlichen Aufstiegs und die Geschichte eines Niedergangs – den der Beziehung zu seiner Partei. „Welch ein Narr“, lässt der Autobiograf den SPD-Granden Hans-Jochen Vogel über Fischers parteiinternen Widersacher Hans-Christian Ströbele ätzen. Der ist für ihn ein „Meister der grünen Selbstzerstörung“.
Entschuldigung beim Polizisten
An Extremisten wie Ströbele leidet Fischer massiv. Immer dann, wenn sie in der Erinnerung auftauchen, ist das Wort „Härte“ in Griffweite, aber auch die „Emotion“. Das wirkt persönlich, doch viel Eigenes oder Prägendes wird dabei nicht preisgegeben. Einmal, bei der Schilderung des Prozesses gegen den Terroristen Hans-Joachim Klein im Jahr 2001, kommt zwar der Name Marx vor. Es handelt sich aber um Rainer Marx, den Polizisten, den Fischer als Sponti in der Zeit der Revolte verprügelt hatte und der ihn nun aufforderte, sich zu entschuldigen: „Ich sah diese Aufforderung als berechtigt an und entschuldigte mich während einer persönlichen Begegnung.“ Fischer, fast schon rücktrittsreif, kam damit durch.
Ausführlich beschreibt er, wie er beim Parteitag in Bielefeld 1999, mitten in der Balkan-Krise, als Kriegshetzer beschimpft und mit einem Farbbeutel bombardiert wird, der sein Trommelfell verletzt. „Sofort brach ein großer Tumult aus, aber ich war nach dem ersten Schock vor allen Dingen voller Zorn und Aggression. Früher hätte ich sofort reagiert und wäre auf den Angreifer losgegangen, aber dies war mir an diesem Tag nicht mehr möglich. Also kochte ich innerlich vor Wut.“
Kleine Koalition als „Ära“
Fischer hat den Parteitag überlebt, und die Grünen überlebten mit ihm auch die nächste Wahl. So viel zu dieser Partei minus ihrem Alphatier. Ein selbstzufriedenes Buch liegt vor, von einem begnadeten Redner, der in Schriftform oft förmlich wird. Doch Fischer, der – so wie Bundeskanzler Gerhard Schröder mit seinen pompösen Memoiren „Entscheidungen“ – darum ringt, diese sieben Jahre kleine Koalition als Ära zu verkaufen, verdeutlicht in vielen Facetten, dass Rot-Grün eine Fortsetzung der verbrauchten Ära Kohl mit deren Mitteln war.
Vor allem anfangs, so steht es ganz direkt bei Fischer, wurde eher reagiert als regiert. Denn nicht nur die Grünen, auch die Sozialdemokraten waren gespalten. SPD-Chef Oskar Lafontaine, der nach einem halben Jahr alles hinwarf, war ihm anfangs lieber als Schröder, Helmut Kohl hat er wohl heimlich verehrt. In der Europapolitik ist Fischer dem Kanzler der Einheit viel näher als Schröder, das zählt auch zu seinen Verdiensten. Und im Kosovo-Krieg hat er dadurch eigene Akzente gesetzt, dass er die Russen von Anfang an in eine Lösung einbinden wollte. Das ist ihm gelungen.
Der erste Band endet mit 9/11. Die deutsche Bundesregierung zeigt noch ihre „uneingeschränkte Solidarität“ mit den USA. Und Joschka Fischer hadert mit dem Schicksal, ständig auf die neue Weltunordnung reagieren zu müssen. Da ist er bereits ganz Staatsmann in der Tradition von Kanzler Kohl: „Wir würden neue und gefahrvolle Wege erkunden müssen, da sich die Parameter der internationalen Politik in der Zeit zwischen dem 9. November 1989 und dem 11. September 2001 grundsätzlich verschoben hatten. Und warum die Geschichte ausgerechnet unter Rot-Grün so hart zuschlagen musste, würde eine weitere niemals beantwortbare Frage bleiben.“ Fischer hat's befunden, die Sache ist beendet. Zumindest bis zur Aufarbeitung des Niedergangs in Teil II.
DIE BÜCHER
Joschka Fischer: „Die rot-grünen Jahre. Deutsche Außenpolitik – vom Kosovo bis zum 11.September.“ Köln, Kiepenheuer&Witsch, 444 Seiten.
Jürgen Schreiber: „Meine Jahre mit Joschka – Nachrichten von fetten und mageren Zeiten“, Econ, 208 Seiten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2007)