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Grillparzer und Verkehrspolitik

Grillparzer muss ein großer Visionär gewesen sein.

Auf den Punkt genau hat er vorhergesehen, wie stiefmütterlich das beste, billigste, und menschen- wie umweltfreundlichste Verkehrsmittel – das Fahrrad – in Wien noch immer behandelt wird. Wie schreibt er so traurig-schön: „Das ist der Fluch von unserem edlen Haus, auf halben Wegen und zu halber Tat mit halben Mitteln zauderhaft zu streben.“

Seufzend möchte man hinzufügen: Wenn's wenigstens die „halben Mittel“ wären. Beispiel: das Citybike. Touristen wie Wiener lieben es, die Nutzerzahlen steigen, immer mehr sieht man auf der Straße. Ein idealer Lustmacher aufs Fahrrad.

Nachdem es in Wien recht gut funktioniert, wurde das System von Paris übernommen. Aber – hier unterscheidet sich offensichtlich der Pariser vom Wiener – mit einer ganz anderen Haltung. Die Zahlen belegen dies: Nach langsamer und schrittweiser Ausweitung rollen jetzt in Wien knapp 1000 dieser Fahrräder. Paris hat sofort mit dem Zehnfachen begonnen und will bald auf 20.000 ausweiten. Bei uns gibt's derzeit 54 Verleih-Stationen, Paris startet gleich mit 750. Der Erfolg gibt ihnen recht: Wien hat rund eine Million Fahrten im Jahr, Paris erreichte diese Zahl schon nach 18 Tagen. „Think big“ denken die Pariser. Die Wiener Verkehrsplanung aber zaudert, wartet, und beschwichtigt.
Citybike als Symbol: Denn wenn man will – das zeigen französische, deutsche, und auch italienische Städte (von holländischen ganz zu schweigen) – kann man den Anteil des Fahrrades am Gesamtverkehr weit über 20 Prozent erhöhen. In Wien dümpelt diese Zahl dagegen bei 5 Prozent herum.

Die wichtigste Maßnahme, um dies zu erreichen: Radwege von Gehsteigen auf die Straße zu verlegen. Denn das ist die größte Gemeinheit: Radfahrer und Fußgänger auf engstem Raum auf einander los zu lassen, und sich dann zu wundern, dass es Konflikte gibt, sie geben muss.

Der wahre Urbanist geht zu Fuß oder fährt mit dem Rad. Durch die vorbehaltlose Förderung dieser zwei könnte sich „das edle Haus“ spät aber doch von seinem „Fluch“ befreien.


chorherr.twoday.net

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2007)