Horst Pirker: „Wir haben eine globale Hochstimmung“

(c) APA (Harald Schneider)
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Interview. Horst Pirker über Fernsehen am Handy, Video-Journalismus, Leserreporter und die Gründe, warum er sich um die Printmedien keine Sorgen macht.

Horst Pirker ist Präsident der weltweiten Zeitungs-Organisation Ifra und des VÖZ. 

Die Presse: Was erwarten Sie sich von der derzeit laufenden Ifra-Expo 2007?

Horst Pirker: Die Ifra-Expo ist die weltweit größte Veranstaltung für Medien verlegerischer Herkunft. Sie findet erstmals in Wien statt und erlebt in Wien einen neuen Höhepunkt: Noch nie gab es so viele Aussteller. Und – ehrlich gesagt – spekulieren wir auch ein wenig damit, dass es einen Besucherrekord geben wird.


Welche Entwicklungen der Branche werden wir dort zu sehen bekommen?

Pirker: Medienhäuser verlegerischer Herkunft entwickeln sich immer mehr von der analogen Plattform Papier Richtung Multiplattform – die Antwort der Zeitungen auf das WWW heißt MMM: Multimedia, Multichannel, Multiplattform. Die Ifra-Expo ist der Spiegel dieser Entwicklung.


Ist das lange angekündigte Ende der Printmedien wieder abgeblasen?

Pirker: Eine Zeit lang hat man geglaubt, dass wie in einer Einbahn nur eine Migration von Print nach Digital stattfindet. Diese Meinung ist überholt. Es geht nicht um ein Entweder-oder, es geht um ein Sowohl-als-auch. Papier bleibt auf absehbare Zeit die wichtigste Plattform, daneben kommen neue Plattformen dazu: die Screens von Laptop, PC, Digital Assistant oder z.B. Mobiltelefon.


Was macht Sie als Präsident der Ifra und des Verlegerverbandes zum Print-Optimisten?

Pirker: Es sind neue Geschäftsmodelle entstanden, insbesondere Gratis-Angebote im Tageszeitungsbereich, wo mobile, junge Leser erschlossen werden, die irgendwann – so die Vermutung – zu einer „richtigen“ Zeitung finden. Die beginnen möglicherweise bei „Heute“ und kommen, weil ihre Ansprüche später steigen, bei der „Presse“ an.

Wie geht es den Printmedien weltweit?

Pirker: Die Ifra hat global rund 3000 Mitglieder. Sie ist die mit Abstand größte Zeitungsorganisation der Welt. Die Stimmung in der Branche ist im Moment wenig von Ängsten geprägt. Es gibt eine große Aufbruchstimmung in Richtung Multiplattform.


Ist die gute Stimmung global? Kriselt es wo?

Pirker: Der amerikanische Markt ist im Moment sicher schwierig – die Krise der Immobilienmärkte und der Banken bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Medienwirtschaft. Aber an sich haben wir eine globale Hochstimmung. Asien boomt. In Indien – mit einer Milliarde Menschen viel größer als Europa und die USA zusammen – sprießen Zeitungen in jeder Form, ob auf Papier oder digital. Ähnlich ist es in China. Und auch im arabischen Raum spielen Zeitungen eine immer größere Rolle.

Rupert Murdoch zahlte für Dow Jones samt „Wall Street Journal“ satte fünf Milliarden Dollar. Wie erklären Sie sich solche Summen?

Pirker: Das liegt vor allem daran, dass Leute wie Murdoch, die für die Branche insgesamt Signalfunktion haben, wieder einen festen Glauben an diese Medienunternehmen verlegerischer Herkunft gefunden haben. Deswegen wird in diese Unternehmen investiert. Da ist viel Vertrauen – auch in die Kraft dieser Marken, weil die in der digitalen Welt eine ganz zentrale Rolle spielen. Da weiß man als Verbraucher, was man erwarten darf; man ist nicht auf den glücklichen Zufall angewiesen wie bei den vielen neuen Angeboten im World Wide Web. Das stärkt Medienmarken auch in der digitalen Welt.

Der Boom steht auf der einen Seite. Berichte über ermordete Journalisten, über Repressionen auf der anderen. Was sagt die Ifra dazu?

Pirker: Das ist ein klassisches Thema für die World Association of Newspapers. Die WAN ist die „politische“ Organisation, sie ist der Verband der Verbände, wo auch der Verband Österreichischer Zeitungen dabei ist. Dort werden Fragen der Pressefreiheit und „politische“ Agenden wahrgenommen. Und es gibt das Internationale Presse Institut, das IPI, mit Sitz in Wien, das sich der Frage von Gewalt gegen Journalisten annimmt. Die Ifra hingegen kümmert sich um den Regelkreis Technologie und Mediengeschäft.

Kommen einander die verschiedenen Medien im Internet nicht immer mehr ins Gehege? Ist das für die Zeitungen bedrohlich?

Pirker: Nein, das ist eher spannend zu beobachten. Eine ganze Reihe von Mediengattungen fallen ja für die neue digitale Welt im Grunde aus: Plakat und Kino. Und der Hörfunk und das Fernsehen – die haben ja kaum Rechte an den Inhalten, die sie spielen. Damit bleibt diese neue Arena des digitalen Wettbewerbs vor allem jenen traditionellen Medien offen, die früher einmal Zeitungen im engeren Sinne waren.

Was ist mit dem Fernsehen? Auf den Medientagen lief bereits ein Pilot für Handy-TV.

Pirker: Das wird derzeit eine Spur überschätzt. Ich bin auch ganz anderer Meinung als der Chef der RTL-Group, Gerhard Zeiler, auf den Medientagen: Ich glaube, dass das Fernsehen – im Sinne von Broadcasting – vehement unter Druck kommen wird, weil die TV-Stationen viele Rechte nicht selber haben. Die gehören Hollywood, der Fifa, dem Olympischen Komitee. Dort stellt sich dann die Frage, ob sie in Zukunft den Broadcaster überhaupt noch brauchen, weil sie das Geschäft über das Internet auch direkt machen können.

Und die Zeitungen?

Pirker: Die haben sicher die besten Chancen, weil sie die Rechte auf ihre Inhalte selber haben und ihnen alle Plattformen offenstehen für Texte, bewegte und unbewegte Bilder – ob Laptop, Handy oder TV-Schirm.

Bewegte Bilder? Heißt das, dass auch in Zeitungen der Video-Journalist vor der Tür steht?

Pirker: In den USA hat es schon Journalisten dieser Art gegeben: die „jacks of all trade“. Heute ist damit zu rechnen, dass es Multimedia-Reporter gibt und – scharf getrennt – Redakteure. Der Reporter wird multimedial arbeiten, die Redakteure werden recht spezifisch definiert bleiben.

Wie stehen Sie zum Thema Selbstkontrolle?

Pirker: Die Selbstkontrolle ist auf dem Weg. Dabei ist allen Strömungen ein Riegel vorzuschieben, die dem eine politische Dimension geben wollen – und das hört nicht bei der Regierung auf, sondern schließt auch Gewerkschaften mit ein. Die Selbstkontrolle muss bei den journalistischen Mitarbeitern und Führungskräften bleiben und soll nicht an Organisationen – ob arbeitgeber- oder arbeitnehmerseitig – ausgelagert werden.

IN ZAHLEN

Die Ifra-Expo in Wien vermeldet einen Rekord: 365 Aussteller aus 33 Ländern nehmen an der internationalen Leitmesse der Zeitungsindustrie teil, die noch bis Donnerstag auf 15.000 Quadratmetern Fläche in den neuen Hallen der Reed Messe Wien stattfindet.

Etwa 10.000 Medienmanager aus zirka 80Ländern weltweit nehmen an der Ifra-Expo teil.

Die Ifra mit ihren 3000 Mitgliedern in 70Ländern ist die führende Organisation für Zeitungs- und Mediapublishing.

Die Ifra-Expo findet seit mehr als 30 Jahren statt. Die Ifra ist eine internationale Organisation für Zeitungsverlage und Medienhäuser. Hauptstandort ist Darmstadt. Verbandspräsident ist seit Oktober 2005 der Vorstandsvorsitzende der Styria Medien AG (u.a. „Kleine Zeitung“, „Die Presse“, „Wirtschaftsblatt“), Horst Pirker.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2007)

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