Rating. Standard & Poor's zweifelt an Unabhängigkeit der MEL und sieht schwere Corporate-Governance-Mängel.
Wien (ju).Meinl European Land (MEL) wird von der Meinl-Bank-Gruppe kontrolliert, der „Board“ (eine Mischform aus Vorstand und Aufsichtsrat nach englischem Recht) der MEL hat wenig zu melden, die so genannten „Partly Paid Shares“ stehen „unter der Kontrolle des Board“, die Meinl Bank selbst hat „signifikanten Einfluss auf die MEL“: So sieht die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) die Unternehmensstruktur bei der MEL. Und setzt sich damit in Gegensatz zu öffentlichen Aussagen von Julius Meinl und Managern der Meinl-Gruppe, die in den vergangenen Wochen mehrfach betont hatten, die Meinl Bank habe mit der MEL nichts zu tun und das Management der MEL entscheide völlig eigenständig.
Wie berichtet hatte Standard & Poor's die Kreditratings der MEL Anfang Oktober auf „Junk“-Status zurückgestuft. Mit der Begründung, MEL habe zwar strukturelle Änderungen zugesagt, man hege aber Zweifel über die erfolgreiche und zeitgerechte Umsetzung der verlangten Restrukturierung.
Im Volltext des Ratings geht die renommierte internationale Agentur im Detail auf die Schwachpunkte der an der Börse gebeutelten Immobiliengesellschaft ein. Eine Verbesserung des Ratings sei jedenfalls nur möglich, wenn MEL in seiner Corporate Governance-Praxis und in seinen Kontrollsystemen „kurzfristig signifikante Änderungen“ umsetze.
Die konkreten Kritikpunkte, soweit die Struktur betroffen ist:
•Die Gesellschaft sei zwar in Streubesitz, werde aber „von der Meinl Bank über ihre 100-prozentige Eigentümerschaft an der Managementgesellschaft MERE, die das strategische Management abwickelt, kontrolliert“. Dieser Punkt wurde von S&P bereits im Vorjahr in einer Analyse kritisiert.
•Es gibt zwar keine dominierenden Aktionäre. Bis zu 40 Prozent der Stimmrechte werden aber über teileinbezahlte Aktien von bisher ungenannten institutionellen Investoren gehalten, diese PPS seien offenbar unter der Kontrolle des Board of Directors der Gesellschaft.
•Die MEL-Managementgesellschaft MERE sei im Eigentum und unter Kontrolle der Meinl-Bank-Gruppe. Damit habe die unter Kontrolle der Meinl-Bank-Gruppe stehende Meinl Bank „signifikanten Einfluss auf die MEL“.
•Zudem sei der Board der MEL von „Meinl related“-Direktoren dominiert (vier von sechs). Fazit: Der „Mangel an Unabhängigkeit“ des MEL-Managements begrenze substanziell die Möglichkeiten des Boards, den Einfluss der Meinl-Gruppe einzudämmen. Kurz: Es sehe so aus, als habe der MEL-Board im Vergleich zur Managementgesellschaft nur sehr begrenzte Kompetenzen.
•Hart geht Standard & Poor's auch mit den Aktionen der MEL, die die jüngsten Turbulenzen mit verursacht haben, ins Gericht: Sowohl hinter der Emission der Partly Paid Shares als auch hinter den unmäßigen Zertifikats-Rückkäufen im heurigen Frühsommer sehen die Ratingexperten einen „Mangel an klarer Rationalität“.
MEL-Sprecher: „Keine Kontrolle“
MEL-Sprecher Rupert-Heinrich Staller interpretiert das S&P-Rating freilich anders: Er stelle „ein für alle Mal klar“, dass die MEL durch die Meinl Bank nicht kontrolliert wird – „weder faktisch noch rechtlich“, sagte Staller zur „Presse“. Das Wort „controlled“ aus dem S&P-Rating könne nicht mit „kontrolliert“ übersetzt werden, so Staller. Dass über die Management-Gesellschaft eine „operative Kontrolle“ ausgeübt werde, sei das Problem bei allen extern gemanagten Gesellschaften. Und dass Standard & Poor's von signifikantem Einfluss („significant influence“) der Meinl Bank bei der MEL spreche? Das stimme so nicht und könne so nicht übersetzt werden.
Wie berichtet hat MEL versprochen, die inkriminierten Strukturen zu ändern und „zeitnah“ zu kommunizieren. Bisher ist allerdings nicht viel geschehen. Nach früheren Aussagen der MEL soll bis zur nächsten ordentlichen Hauptversammlung, die voraussichtlich im kommenden Mai stattfindet, fest stehen, wie die Gruppe umgebaut wird.
Staller meint wiederum, alle Kritikpunkte seien mit Standard & Poor's besprochen worden und würden nun einer „Evaluierung“ unterzogen. Man müsse auch sehen, dass S&P auch positive Entwicklungen im Unternehmen hervorgehoben habe.
Die Aktie der MEL war nach den verheimlichten Zertifikatsrückkäufen stark unter Druck gekommen, derzeit liegt der Kurs bei annähernd der Hälfte des im Frühsommer erreichten Höchststandes.
AUF EINEN BLICK
Die Meinl Bank übt „signifikanten Einfluss“ auf die Meinl European Land aus, der Vorstand der MEL hat im eigenen Unternehmen sehr wenig zu bestellen, sagt die Ratingagentur Standard & Poor's. Und konterkariert damit Meinl-Aussagen, wonach MEL ein völlig eigenständiges Unternehmen sei und mit der Meinl Bank nichts zu tun habe.
Den Aktienrückkäufen und der Ausgabe von „Partly Paid Shares“ durch die MEL fehle „jede Rationalität“, kritisiert die Ratingagentur weiter. Die verheimlichten Aktienrückkäufe hatten die jetzige MEL-Krise ausgelöst.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2007)