Kritik. Claudia Bauer inszeniert Ödön von Horváths „Zur schönen Aussicht“ im Schauspielhaus Graz knapp 40 Jahre nach der Premiere – und bleibt einiges schuldig.
Es zählt zu den schwierigeren Aufgaben im Theater, moralische Verkommenheit in amüsanter Weise auf die Bühne zu bringen. Ödön von Horváths frühe Komödie „Zur schönen Aussicht“, ab 1926 entstanden, aber erst 1969 in Graz (Regie: Gerald Szyszkowitz) zur Uraufführung gebracht, gehört in diese Kategorie. Claudia Bauer hat das Drama nun im Schauspielhaus Graz wieder inszeniert. Man merkte der Arbeit bei der Premiere am Dienstag die Schwierigkeit an, das rechte Maß zu finden zwischen Zynismus und Schwank.
„Zur schönen Aussicht“ hat die skurrilen Züge eines Jugendwerkes. Es spielt in einem abgetakelten Hotel, wo sich der einzige zahlende Gast, die in die Jahre gekommene Ada Freifrau von Stetten (Steffi Krautz), drei Liebhaber aus der Halbwelt hält: Hoteldirektor Strasser (Sebastian Reiß), Kellner Max (Markus Schneider) und Chauffeur (Gerhard Liebmann). Das Hotel ist pleite. Als Symbol dafür wurden im Hintergrund schäbige Sessel aufgetürmt, die Bühne (Hendrik Scheel) ist durch hohe Vorhänge eingegrenzt, die eine Parabel bilden. In der Mitte der Bühne steht ein ausgestopfter Bär mit drohend aufgerissenem Maul. Bald werden sich die Menschen hier zerfleischen. An der Rampe noch ein Sessel, ein kleiner Tisch, darauf eine große Metapher, ein Puzzle der Europakarte. Am Ende werden es alle bis auf eine mühsam zusammensetzen.
Die Menage der vier wird gestört durch den Schulden eintreibenden Sektverkäufer Müller (Daniel Doujenis), Adas spielsüchtigen, hoch verschuldeten Bruder Emanuel (Ernst Prassel) und Strassers frühere Geliebte Christine (Jaschka Lämmert), die, von ihm allein gelassen, ein Kind bekommen hat und nun etwas einfordert, Zuneigung bloß. Sie ist die einzige Person mit positiven Gefühlen, die von der Meute sofort als Kitsch lächerlich gemacht werden, ehe das Pack dem Mädchen das Leben zur Hölle werden lässt.
In der Absurdität nicht souverän
Lämmert spielt ihren Part mit Schüchternheit, ruhiger Kraft und Ansätzen zu einem fast heiligen Irrsinn, der ins Konzept der Komödie passt. Andere aber, die um Christine schwirren wie Motten, als sie ihr gewinnbringendes Geheimnis erfahren, kommen weniger gut mit dem Zwiespalt zurecht. Prassel als wehleidiger Graf, der mit dem Selbstmord nur kokettiert, fällt ins Deklamieren, auch Schneider, der die komischste Rolle als skurriler Kellner hat, dem Schuhe, Speisekarte und Jackett gelegentlich abhandenkommen, wirkt in der Absurdität nicht souverän, neigt zu Übertreibungen. Betrunkene darzustellen zählt auch zu den schwierigsten Aufgaben.
Doujenis und Reiß schaffen den Wechsel von Schleimigkeit zu Brutalität besser. Diese Gangster, die einander nicht wie bei Horváth mit einer dunklen Vergangenheit in Portugal, sondern in Albanien erpressen, haben ihre Revolver immer griffbereit, doch mangelt es ihnen an der Darstellung des wirklich Bösen. Bei den Männern überzeugt nur Liebmann, als wüster Schläger mit ungepflegten, langen Haaren, eine animalische Präsenz, die sogar der bitterbösen Ada Respekt abverlangt. Zärtlich nennt sie ihn ihren Herkules.
Krautz erfüllt ihre Rolle – ein die Peitsche schwingendes Ungeheuer der Dekadenz, manipulierend und unersättlich, nicht nur im Sektkonsum, sondern in der Befriedigung ihres Sadismus. Wie zum Hohn singt sie Janis Joplins unglückliche Ballade „Mercedes Benz“, sie endet in einem Hustenreiz. Diese Frau wird nicht alt, sie spuckt bereits Blut. Krautz beherrscht nicht nur den Exzess, sondern auch die subtilen Gesten.
Die Frauenrollen sind in dieser mäßig geglückten Aufführung einfach stärker besetzt. Die beiden starken Darstellerinnen, das gefühlsechte Ambiente des Verfalls und der geschickte Einsatz der Musik (Sebastian Herzfeld, mit Bojana Popovicki am Akkordeon) bewahren die Aufführung davor, zur Klamotte zu werden. Es wurde wenig gelacht bei dieser Komödie, die Pointen, die der Text bietet, wurden von der Regie nur selten genutzt. Sie blieb einiges schuldig bei der Erzeugung von Horváth-Atmosphäre.
TERMINE
Weitere Vorstellungstermine von Ödön von Horváths „Zur schönen Aussicht“ im Schau-spielhaus Graz: 20., 23., 25.Oktober, 7. und 14.November sowie 1. und 28. Dezember. Karten unter ? 0316/8000.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2007)