Forschung. Europäer sind hervorragende Ideenspender, doch den wirtschaftlichen Erfolg schöpfen oft andere ab.
WIEN/BRÜSSEL. Zwei Europäer haben den Physik-Nobelpreis 2007 für eine Erfindung erhalten, die für die Musikbranche ein Revolution war. Der Franzose Albert Fert und der Deutsche Peter Grünberg entwickelten ein Verfahren, das es ermöglicht, große Mengen von Daten auf winzige Festplatten zu speichern. Das technologische Herz jedes iPods, des derzeit beliebtesten Abspielgeräts für Musik, stammt also aus der EU. Fert und Grünberg sind freilich nicht nur Symbol für die europäische Innovationskraft, sie stehen auch stellvertretend für ein Problem mangelnder wirtschaftlichen Vermarktung und unzureichender Vernetzung. Denn ihre Erfindung hat sich in erster Linie ein US-Konzern zu Nutze gemacht.
Der iPod hat eine doppelte Geschichte: Er wurde in Europa entwickelt, aber in den USA vermarktet. Denn nicht nur das Speicherverfahren, auch die MP3-Technik stammt aus Europa. Das Kompressionsverfahren MP3 wurde vom deutschen Studenten Karlheinz Brandenburg erfunden und im deutschen Fraunhofer-Institut weiterentwickelt. Und auch für das iPod-Design steht ein Europäer. Apple-Chef-Designer Jonathan Ive stammt aus Großbritannien, lebt aber schon seit Jahren in den USA.
Janez Potocnik, EU-Kommissar für Wissenschaft und Forschung, sieht den Brain-drain von der EU in die USA nicht grundsätzlich negativ. „Es ist nichts Falsches daran, wenn Know-how international zirkuliert“, betont eine Sprecherin des Kommissars. Immerhin kämen auch zahlreiche US-Amerikaner zum Beispiel an britische Universitäten oder in europäische Konzerne. Die EU-Staaten hätten aber noch Nachholbedarf dabei, „die Top-Kräfte wieder ins eigene Land zurückzuholen“.
Andere Kritiker verweisen auf die Unfähigkeit, europäische Innovationen wirtschaftlich zu vermarkten. Am ehesten gelinge das noch in der Autoindustrie, die europäische Innovationen wie Airbag oder den intelligenten Vierradantrieb gleich auch wirtschaftlich umsetze. Wo es keinen Konzern mit integrierter Forschungsinfrastruktur gibt, wird die wirtschaftliche Umsetzung hingegen oft verschlafen. So etwa bei der Entwicklung von Internet-Suchmaschinen, die derzeit von den USA dominiert werden. Über europäische Konkurrenzprodukte wurde viel geredet, in sie sogar EU-Geld investiert. Der Durchbruch gelang aber nicht.
Misslungenes Projekt Galileo
Dramatisch misslungen ist die Vernetzung von Wirtschaft und Forschung beim europäischen Navigationssystem Galileo. Statt ein Konkurrenzprojekt zum amerikanischen GPS aufzubauen, tritt Europa auf der Stelle. Weil die Privatwirtschaft nicht zu Investitionen bewegt werden konnte, droht das Projekt sogar zu scheitern. Jetzt soll es mit staatlichem Geld gerettet werden. Gelingt dies nicht, wäre ein weiterer Brain-drain die Folge: In den Repräsentanzen von EU-Staaten in Brüssel heißt es ganz offen, europäische Forscher würden in den nächsten Jahren in die USA „überlaufen“, wenn sie bei Galileo keine Betätigung finden.
Immerhin setzt die EU auch Gegenmaßnahmen – freilich nur halbherzig: Um Europas beste Forscher zu vernetzen, soll bald das „EIT“ starten. Das „European Institute of Technology“ heißt nicht zufällig ähnlich wie das international herausragende „Massachusetts Institute of Technology“ (MIT) in den USA. Zahlreiche Universitätsinstitute und Forschungsstätten der Wirtschaft sollen Know-how zuliefern und austauschen. Doch der Aufbau des EIT könnte schon am Geld scheitern: Mindestens 309 Mio. Euro sollen bis 2013 aus dem EU-Budget frei gemacht werden. Da die EU-Regierungen kein extra Geld zuschießen möchten, wird überlegt, dafür die nicht ausgeschöpften Agrartöpfe anzuzapfen. Aber auch dagegen regt sich Widerstand.
IPOD MIT EU-HERZ
Europäer entwickelten die Speichertechnik für kleine Festplatten. Sie ist Herzstück neuer Musik-Player. Auch die MP3-Technik für den iPod stammt aus Europa. Der Designer ist ein Brite.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2007)