Nominiert
Helmut Kohl, der Friedenskanzler?
EU-Kommissionspräsident Barroso hat ihn vorgeschlagen, Michael Gorbatschow, selbst einst Friedenspreisträger, hat ihn nominiert, aus der CDU wird heftig Beinarbeit gemacht: Helmut Kohl möge für seine Verdienste für die Einheit Deutschlands und Europas mit dem Nobelpreis ausgezeichnet werden. Text von Hannes Gamillscheg
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Zwar ist laute Lobby beim Nobelkomitee in Oslo keine Erfolgsgarantie. Eher im Gegenteil: "Wir hatten schon Kandidaten, für die es eine Million Unterschriften gab, und sie haben den Preis dennoch nicht bekommen", sagt Geir Lundestad, der Sekretär des Komitees.
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Dennoch steht der Name Kohl vor der am Freitag stattfindenden Bekanntgabe des diesjährigen Preisträgers auf allen Listen weit oben. Zu Recht?
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Darauf gibt es eine technische Antwort und eine politische. Die technische zuerst: Barroso brachte Kohl anlässlich der 50-Jahres-Feiern der Römer Verträge ins Spiel. Das war im März. Da war die Nominierungsfrist - 31.Januar - für dieses Jahr längst abgelaufen.
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Andererseits ist durchaus möglich, dass der Altkanzler schon zuvor vorgeschlagen war. Das Nobelkomitee hält die Kandidatenliste geheim, doch in Oslo kennt man das "Carter-Syndrom", benannt nach dem US-Präsidenten, der 1978 für seinen Einsatz um das Camp David-Friedensabkommen ausgezeichnet werden sollte - und nicht nominiert war. Jimmy Carter musste 24 Jahre warten, ehe er den Preis doch noch bekam.
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Seither wird jeder US-Präsident jedes Jahr von treuen Parteigängern eingereicht, um für alle Fälle gerüstet zu sein, und dies gilt auch für viel andere Politikprominenz. Man kann also davon ausgehen, dass unter den 181 termingerecht eingebrachten Namen auch jener Helmut Kohls war. Im Bild: Kohl neben der damaligen Bundesfrauenministerin Angela Merkel.
Bleibt die Schlüsselfrage: ist Kohls politisches Vermächtnis dem Nobelkomitee preiswürdig? Die Rolle, die die EU bei Europas friedlicher Einigung spielte, ist bei der Preisvergabe bisher ignoriert worden. Die Norweger sind EU-Skeptiker, zweimal haben sie eine Mitgliedschaft in Volksabstimmungen abgelehnt, und diese Stimmung färbt auch auf das Preiskomitee ab.
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Kohl selbst hat bei diesem unbeliebt gemacht, als er 1985 gegen die damals ausgezeichneten "Ärzte gegen Atomkrieg" moserte. Doch dass Kohl nach der deutschen Wiedervereinigung die europäischen Interessen über die deutschen stellte und die Ängste erstickte, die gerade in kleinen Ländern wie Norwegen damals vor einer neuen deutschen Großmacht herrschten, wird ihm bis heute hoch angerechnet.
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Dass sich, während Unruheherde von Nahost bis Vietnam ausgezeichnet wurden, die friedliche Europapolitik in den Preisträgerlisten nicht widerspiegelt, wird im historischen Rückblick selbst von Nobel-Insidern als Versäumnis bezeichnet. Im Bild: Henry Kissingers Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis ist umstritten.
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Im Vergleich zu seinen von nationalem Egoismus getriebenen Zeitgenossen von Thatcher bis Kaczynski ragt Kohl als wahrer Europäer hervor. Das macht ihn zu einem möglichen, aber noch nicht zu einem wahrscheinlichen Gewinner.
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Stärker gewettet wird in Oslo auf einen Nobelpreis für den Kampf gegen den Klimawandel, auf eine Spitze gegen Putins Russland oder - im Jahr vor den Peking-Spielen - gegen China. Kohl ist Kandidat. Doch die chinesische Dissidentin und Uiguren-Führerin Rebiya Kadeer ist wohl der bessere Tipp für den diesjährigen Friedensnobelpreis.
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