Steirischer Herbst: „Nichts ist ungeheurer als der Heinz“

Peter Manninger
  • Drucken

Sophokles auf Kalauer-Niveau: Steinbuch (Text) und Vontobel (Gymnastik) verbreiten Langeweile.

Es gehört bereits zur Tradition: Der junge Regisseur kann seine Bilderwut nicht zähmen, er verstümmelt einen Klassiker des Theaters. Es geht auch anders. Roger Vontobel hat bei der Uraufführung von „verschwinden oder Die Nacht wird abgeschafft“ am Mittwoch auf der Studiobühne in Graz einem unschuldigen frischen Text einen kasperlhaften Aktionismus aufgesetzt, ein schwerblütiges lyrisches Drama politisch instrumentalisiert und massakriert.

Nun ist aber auch der Text der jungen Autorin Gerhild Steinbuch recht eigenartig opak mit seinen antikisierenden Anlehnungen, seiner erstaunlichen gebundenen Sprache, die entfernt an T.S. Eliots lange Gedichte erinnert. So entsteht ein doppeltes Rätsel, eine enigmatische Parallelaktion für den Besucher dieser Koproduktion des Schauspielhauses Graz und des „steirischen herbstes“, die zwangsläufig zu Kapriolen der Auslegung führt. Wie fasst man diese 100 Minuten Spiel von sechs engagierten, sensiblen Schauspielern zusammen?

Die Kurzversion: Was kann eine Inszenierung wert sein, in der die Eltern zur Musik von Abba Sex haben? Die längere Fassung: Es geht Steinbuch um ganz große Themen – um Vater-Mutter-Kind, um Nähe zum Bruder, zum Geliebten, immer aber auch ums Sterben. Aktiver Vater, passive Mutter, ein schüchterner Sohn. Dazu wird einleitend ein erhabener Zeuge vereinnahmt – Sophokles mit „Antigone“. Zwei Zeitgenossen müssen assistieren, Houellebecq, der sich in seinem Gedichtband „Suche nach Glück“ dem freudlosen Alter zuwendet, und Radiohead: „I will see you in the next life.“

Vontobel konkretisiert die Vorlage. Er macht sie platt. Lara (Sophie Hottinger) kommt durch ihren Freund Haimon (Dominik Maringer) in die Familie des populistischen Politikers Heinz (Dominik Warta), dessen Wahlplakat an blaue oder orange Sujets erinnert, und seiner Frau (Frederike von Stechow). Laras Bruder Oed (Claudius Körber) ist ein Altenpfleger, der schließlich mit der Schwester aktive Massensterbehilfe begeht: Praktischerweise lässt Vontobel in Anlehnung an die griechische Tragödie einen rustikal-rüstigen Chor auftreten, der sich für die Tötung zur Verfügung stellt. Eine Art Chorleiter, der Alte (Hannes Gastinger), der mit bemerkenswerten Monologen an die kahle, steile Rampe in der Mitte der Zuschauer tritt (Bühne: Petra Winterer), rundet die klassische Konstellation ab.

Sonst bleibt alles klassisch zeitgenössisch. Coole Musik, ein bisschen Video, viel Klamauk, ein Sophokles-Kalauer: „Nichts ist ungeheurer als der Heinz.“ Der getragene Text wird konterkariert durch alberne stilisierte Wiederholungen des Alltags; aufstehen, Zähne putzen, turnen, zur Arbeit gehen, kuscheln, lieben, auseinander gehen – eine ewige Wiederkehr des Gleichen. Der eigenwillige Text („Ich bin froh, dass wir gehörn“) geht bei diesem Aktionismus unter. Das Ensemble hat sich wacker geschlagen, doch es rettet diesen Abend nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2007)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.