Der Nobelpreis für Literatur als späte Ehre für die unerschöpfliche englische Romanschriftstellerin Doris Lessing.
Es gibt mehrere Gründe, warum die englischsprachige, in Persien geborene Schriftstellerin Doris Lessing, die in zehn Tagen 88 Jahre alt wird, längst den Nobelpreis für Literatur verdient hätte, der ihr am Donnerstag fast schon wieder überraschend verliehen wurde.
Da wäre ihr Frühwerk, vor fast 60 Jahren geschaffen, das ihre Jugend im damaligen Rhodesien verarbeitet. „The Grass Is Singing“ (1950), ihr erster kurzer Roman, der den Rassenkonflikt im Süden Afrikas anhand der Beziehung zwischen einer Weißen und einem Schwarzen thematisiert, zählt noch immer zu ihren besten Werken.
Da wäre die Fülle: Mehr als 60 Bücher in den verschiedensten Genres erschienen allein auf Deutsch. Ein fünfbändiger Zyklus, „Canopus in Argos. Archives“ (1979–83), gehört zur Avantgarde der „Space Fiction“, ein weiterer Fünfbänder, „Children of Violence“ (1952–69), widmet sich dem Leibthema dieser starken, eigenwilligen Autorin: Dem Heranreifen einer Frau, ihrer hart erkämpften Emanzipation in einer politisierten Welt. (Die Protagonistin Martha Quest hat offenbar stark autobiografische Züge. Doris Lessing war in zweiter Ehe kurz mit dem kommunistischen Emigranten Gottfried Anton Lessing verheiratet, sie engagierte sich auch in der britischen KP, ehe sie diese nach dem Ungarnaufstand aus Enttäuschung verließ.)
Der große Wurf: „Das goldene Notizbuch“
Da wäre aber vor allem „The Golden Notebook“ (1962), der große, nicht nur von Feministinnen geliebte Roman, der traditionelles Erzählen und experimentelles so kunstvoll verwebt. Ein Jahrhundertbuch. Allein dafür gebührt der großen alten Dame der englischsprachigen Literatur der Nobelpreis. Erst elf Mal wurde der Preis bisher in dieser Sparte an Frauen verliehen, 93 Mal an Männer. Lessing zählt zur besseren Hälfte der Ausgezeichneten, da mögen Kritiker auch noch so demonstrativ Männchen machen und von der Ungerechtigkeit gegenüber Philip Roth oder John Updike reden.
Eine männliche Figur des 800 Seiten starken Romans bringt die Atmosphäre von „Das goldene Notizbuch“ auf den Punkt: „Die Russische Revolution, die Chinesische Revolution – sie sind gar nichts. Die wirkliche Revolution ist die der Frauen gegen die Männer.“ Später in den Sechzigerjahren musste Germaine Greer erst sammeln, was sie 1970 in „The Female Eunuch“ formulierte. Doch Doris Lessings Buch hat das Rollenverhalten bereits Jahre zuvor in allen Facetten beschrieben, in Fragmenten, die ein großes Ganzes ergeben.
Dokument eines Zusammenbruchs
Es ist vor allem auch eine leidvolle Geschichte. Aus der Perspektive der Londoner Schriftstellerin Anna Wulf erfährt der Leser die Krisen der Fünfzigerjahre, die moralischen, intellektuellen und sexuellen Probleme. Anna führt vier Notizbücher, das schwarze begleitet ihr Leben als Autorin, das rote ist das politische, das gelbe erzählt Geschichten, das blaue ist ein Tagebuch, es wird zum Dokument eines Zusammenbruchs. Erst ein fünftes Notizbuch verbindet dann die vier anderen und vollendet diesen anspruchsvollen Roman.
Anna sucht kompromisslos die Wahrheit, sie kann schockierend in ihrer Offenheit sein, sie ist zugleich warmherzig und voller Energie. All das kann man auch über Doris Lessing sagen, die höchst reizvolle Tagebücher veröffentlicht hat: „Under My Skin“ (1994) und „Walking In The Shade“ (1996). Lessing lässt sich nicht auf einen Nenner bringen. Mit dem Feminismus hat sie später ebenso gebrochen wie Jahrzehnte zuvor mit dem Kommunismus. Sie schätzt nicht, dass man ständig auf die Männer einprügelt.
Die Spalten und die Zapfen
In dieser Haltung liegt auch ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Ihr neuester, eben erschienener Roman „The Cleft“ (die Kluft, die Spalte) aus mythischer Zeit, in der die Spalten noch nicht von den Zapfen behelligt wurden, beginnt mit einem deutlichen Motto: „In a recent scientific article it was remarked that the basic and primal human stock was probably female, and that males came along later, as a kind of cosmic after-thought. I cannot believe that this was a troublefree event.“ Männer seien an sich instabil. „Is nature trying something out?“
Diese Autorin, Tochter eines britischen Kolonialoffiziers und einer gelernten Krankenschwester, besitzt auch Witz, sie hat ihr Hauptthema des Kampfes der Geschlechter in diesem Spätwerk ganz simpel wie in einem Märchen niedergeschrieben.
Originell war auch ihre Reaktion auf den Nobelpreis. Als Doris Lessing am Donnerstag nach der Bekanntgabe in Stockholm vom Einkaufen in ihre Wohnung im Norden Londons zurückkehrte und mit der Neuigkeit konfrontiert wurde, sagte sie: „Das ging jetzt 30 Jahre so. Ich habe alle Preise in Europa gewonnen, jeden verdammten Preis.“ Dann war sie schlicht begeistert – so wie wahrscheinlich alle Leser, die die Fülle des Lebens bei Lessing lieben.
ZUR PERSON
Am 22.10.1919 als Doris May Taylor in Persien (Baktharan/Iran) geboren, lebte Doris Lessing später in Südrhodesien (Simbabwe). Mit 14 brach sie die Schule ab. Sie war u.a. mit Gottfried Anton Nicolai Lessing verheiratet und ist damit eine angeheiratete Tante von Gregor Gysi (Links-Fraktions-Chef im deutschen Bundestag). Mit 30 ging sie mit ihrem Sohn nach London.
1950 erschien ihr erster Roman („The Grass Is Singing“), ein Bestseller. Themen ihrer Arbeit waren und sind: Rassenkonflikt, Emanzipation, die Rolle der Familie und des Individuums in der Gesellschaft. 1956 wurde sie in Südrhodesien und Südafrika zur unerwünschten Person erklärt.
1962 erschien „Das goldene Notizbuch“ – ihr Hauptwerk. Weitere Bücher: „Martha Quest“ (1951), „Eine richtige Ehe“ (1954), „Canopus in Argos: Archives“ (1979–1984), „The Wind Blows Away Our Words“ (1987), „The Good Terrorist“ (1985), „The Fifth Child“ (1988), „The Grandmothers“ (2003), „Time Bites“ (2004), „The Cleft“ (2007).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2007)