Warschau(kro). In Krakiwez ist Eile ein Fremdwort. Lange ruhen die Augen des Zöllners auf dem abgegriffenen Pass. Dann die ewig gleichen Fragen: Woher? Wohin? Weshalb? Immer wieder werden Autos aus der Blechlawine geholt, die sich jeden Tag auf acht Spuren am polnisch-ukrainischen Grenzübergang staut. Alles geht langsam und gründlich. Sobieslaw Szydlo gefällt dieses Arbeitstempo. „Wir sind keine einfache polnische Zollstation. Wir sind die erste Hürde zur Europäischen Union“, sagt der Kommandant der polnischen Grenzschützer in Krakiwez,
Männer wie Szydlo haben dafür gesorgt, dass Polen ab 21. Dezember im Schengen-System mitmachen kann. Das soll den Bürgern der neuen EU-Staaten das Gefühl geben, vollwertige Europäer zu sein. Die EU-Kommission reagierte damit auf die massive Kritik aus den östlichen Staaten. Der Grund: Die Teilnahme dieser Länder am Schengen-Raum sollte um ein Jahr verschoben werden, weil das neue Schengen-Computersystem SIS II nicht fertig war. Der ungarische Ministerpräsident Ferencz Gyurcsany sprach von einem „Verlust an Glaubwürdigkeit“, der tschechische EU-Botschafter Jan Kohout bezichtigte Brüssel der „Täuschung“. In Polen glaubte man, dass die harte Arbeit der vergangenen Jahre von den westlichen EU-Ländern nicht gewürdigt wurde.
„Die polnischen Grenzen sind gut bewacht“, heißt es denn auch aus dem Außenministerium in Warschau. Die Seegrenzen seien praktisch hermetisch abgeriegelt, nicht einmal ein kleines Ruderboot entgehe den wachsamen Augen der Grenzschützer. Ebenso dicht seien die Grenzen zu Kaliningrad, Weißrussland und der Ukraine, erklärt ein Warschauer Beamter. Dort seien in den vergangenen Jahren superempfindliche Ortungssysteme installiert worden. An den Übergängen würden die Lastwagen mit Röntgengeräten durchleuchtet, mit hoch auflösenden Infrarot-Kameras würden illegale Grenzübertritte registriert. „Das ist eine der am besten überwachten Grenzen in Europa“, zeigte sich jüngst ein EU-Vertreter beeindruckt.
Auch in Krakiwez werden Schmuggelgut und Schleuser mit modernstem Material gejagt. Immer häufiger kommen polnisch-ukrainische Einheiten zum Einsatz. Aber auch die Schleuserbanden hätten aufgerüstet, sagt Szydlo. „Früher haben sich die Leute für Geld von ortskundigen Einheimischen über die Grenze führen lassen, doch seit wir genauer kontrollieren, steigt die Zahl der professionellen Schleuser“, erklärt der polnische Beamte.
Kooperation mit Deutschland
Nach dem Beitritt Polens zur EU seien an der polnisch-ukrainischen Grenze Kontaktstellen nach deutsch-polnischem Vorbild eingerichtet worden, erzählt Elsbieta Pilor, Sprecherin der polnischen Zollbehörden. Da werden Daten über Diebsgut weitergegeben. Immer wieder kämen auch deutsche Grenzbeamte, um mit den polnischen Kollegen ihr Wissen auszutauschen. Die Beamten in Krakiwez wissen, dass sie die Grenze nicht hermetisch abriegeln können. Dennoch fühlen sie sich für die kommenden Aufgaben gut gerüstet: Polen sei bereit für Schengen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2007)