Die 15-jährige Arigona Zogaj spricht erstmals über ihre Flucht vor der Abschiebung aus Österreich, ihre Hoffnungen und den sehnlichen Wunsch nach einer Rückkehr zur Normalität.
UNGENACH. Sie will nur zu ihrer Familie. Und in Österreich bleiben dürfen. Aber an diesem Freitag muss sie sich zunächst den Medien stellen – eine Herausforderung, die die 15-Jährige noch nie erlebt hat: Als sie mit dem Auto zum Pfarrsaal von Ungenach, wo sie ihre erste Pressekonferenz gibt, vorgefahren wird, stürzen sich Dutzende Kamerateams und Fotografen auf sie. Gefasst und mit müdem Blick bahnt sie sich den Weg in den Saal, umklammert dabei ein kleines Stofftier mit beiden Händen und nimmt am Podium Platz.
Während die junge Frau unsicher in die Runde der Journalisten blickt, bekommt sie Rückhalt von zwei Männern an ihrer Seite: „Bitte nehmen Sie Rücksicht, dass Arigona viel Anstrengung und Aufregung hinter sich hat“, setzt Gerhard Hasenöhrl, Sprecher der oberösterreichischen Landesregierung, an. „Und dass sie erst 15 Jahre alt ist.“
Dann Josef Friedl, Pfarrer der 1800-Seelen-Gemeinde nahe Vöcklabruck, der Arigona seit Montag betreut: „Ich werde zunächst die Fragen stellen, dann können auch Sie fragen“. Zusatz: „Aber ich werde sagen, wenn wir eine Frage nicht beantworten.“ Ein Dialog beginnt, in dem Arigona ihre Geschichte erzählt. Von jenem Tag, an dem sie gerade vom Mopedkurs aus der Fahrschule gekommen sei und einen Anruf erhalten habe, dass die Polizei vor ihrer Haustür steht. Dass ihre Familie abgeschoben werde. „Ich habe mich nicht mehr heim getraut“, erinnert sie sich.
Sie erzählt von ihrer turbulenten Flucht, wie sie schließlich mit dem Zug nach Wien gefahren und untergetaucht sei. Mit wem war sie unterwegs? Wer waren ihre Helfer? „Darauf antworten wir nicht“, unterbricht Pfarrer Friedl die Journalisten. Dann die Frage nach dem Video, in dem Arigona von Selbstmord gesprochen hat. „Sie wollte ihrer Mutter und den Frankenburgern ein Lebenszeichen geben“, meint der Pfarrer. Dass das irgendjemand als Erpressung auslegen könnte, daran habe niemand gedacht. „Es war für sie ein Moment der Verzweiflung.“ Wer hinter dem Video steckt, bleibt ebenfalls unbeantwortet. Schließlich erzählt die 15-Jährige vom ersten Kontakt mit dem Pfarrer, von der Rückfahrt („Ich habe Angst gehabt, dass wir aufgehalten werden“) und von der Ankunft im Pfarrhof um halb vier Uhr früh. Erleichterung. Mit der Mutter habe sie bisher nur telefoniert, sehen werde sie sie am Wochenende. Am liebsten ginge Arigona am Montag wieder zur Schule. Am schönsten wäre für sie, wenn einfach wieder Normalität einkehrte.
Im Pfarrhof wird sie weitgehend abgeschirmt. Pfarrer Friedl berichtet stolz, wie er lauernde Medienvertreter mit Interviews und Fotosessions ablenkte, während Arigona durch einen Hintereingang entkam und nach Frankenburg geführt wurde, um Kleidung und persönliche Dinge aus der Wohnung zu holen.
Nicht immer klappte die Abschirmung reibungslos: etwa da nicht, als ein Anrufer meinte, er ermögliche ein Telefonat mit ihren kleinen Geschwistern im Kosovo. Tags darauf ist dieses Gespräch als „Exklusiv“-Interview in der Zeitung „Österreich“ erschienen. „Da wurde mein Vertrauen missbraucht“, sagt Friedl sichtbar verärgert.
Abgesehen davon laufe der Kontakt mit Medien gut. Auch Arigona taut bei der Pressekonferenz immer mehr auf, lächelt sogar zeitweilig in die Objektive. „Ganz neu“, sei ihr der Medienrummel. Verständlich. Immerhin hat sie als 15-Jährige unbewusst eine Diskussion angeheizt, die sogar den Innenminister in die Defensive getrieben hat. Jenen Mann, der sich auf die Gesetze beruft und keine Alternative zur Abschiebung sieht.
Ob sie deswegen überhaupt noch mit ihm sprechen würde? Die Antwort ist natürlich und wirkt dabei doch gut gewählt: „Wenn es etwas hilft, dann schon.“
WAS BISHER GESCHAH
Am 27. 9. wird die Familie Zogaj in den Kosovo abgeschoben; Tochter Arigona findet im Pfarrhaus von Ungenach Zuflucht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2007)