Zehn Nobelpreise für einen Oskar

Und schon ist wieder alles retro.

Sie erinnern sich vielleicht; unlängst wurde allerorten die Dominanz der jungen, in sich gekehrten Literaten bei der Frankfurter Buchmesse gepriesen. In Scharen haben sie sich an die Romanbewältigung gemacht, auch Österreicher wurden dabei massenhaft gesichtet.

Schnee von gestern! Erst höhnt das Fachblatt „Die Zeit“ in seiner neuesten Ausgabe, dass die kommenden Stars – abgebildet sind seltsamerweise nur jüngere Frauen – im Vergleich zu Kalibern wie Peter Handke oder Botho Strauß eher mittelmäßig seien, jedenfalls aber einfach gestrickt.

Dann gewinnt Doris Lessing mit 87 Jahren den Nobelpreis für Literatur. Ihr Hauptwerk hat sie geschrieben, als Heimito von Doderer noch lebte und Ernst Jünger sogar noch wehrfähig war (aber die haben in Stockholm nicht einmal damals gewonnen).

Und nun wird Günter Grass auch noch 80, am 16.Oktober. Zumindest kann man das annehmen, wenn man seine Biografie als verlässlich erachtet. Eben erst ist „Die Blechtrommel“ verfilmt worden, eben erst hat der Dichter auf seinem politischen Pegasus Friedensnobelpreisträger Willy Brandt zur Kanzlerschaft getragen, eben erst hat der große Sohn Danzigs Katz und Maus gespielt, hat sich daran erinnert, dass er einst als Kind noch fast ein bisschen mit den Panzern mitgefahren ist – schon feiert er wieder einen runden Geburtstag.

Achtzig ist ein Alter, in dem man reif für den Nobelpreis wäre, wenn man ihn nicht längst gekriegt hätte. (Doderer, um das hier noch einmal festzuhalten, hat ihn wirklich nicht bekommen.) Grass nämlich ist nicht so einfach gestrickt wie die simplen Poeten von heute, der häutet sich wie Apollon den Satyr Marsyas, der ist beinahe so moralisch wie die gesamte Akademie in Stockholm, wenn auch nicht so mittelmäßig. Er ist, so ganz nebenbei, der Verfasser des bedeutendsten deutschen Romans der vergangenen 50 Jahre. Retro oder nicht, der Oskar wird noch lange für ihn trommeln.


norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2007)

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