Kritik: Landestheater Niederösterreich: Tempo! Zu Ostern übers Jahr wird geheiratet

Eine flotte Inszenierung: Kleists „Käthchen von Heilbronn“ hatte am Samstag in Sankt Pölten Premiere.

Wie bringt man das große historische Ritterschauspiel „Das Käthchen von Heilbronn oder die Feuerprobe“ in eine zeitgemäße Form? Der junge Regisseur Johannes Gleim hat Kleists opulenten Fünfakter radikal gekürzt, indem er auf die Hälfte der Akteure verzichtet, die Nebenhandlungen auslässt und so manche Passage en passant wie in einem wortlosen Zwischenspiel präsentierte. Das Wesentliche aber bleibt, auch die Texttreue. Die Premiere im Landestheater Niederösterreich geriet zum Erfolg: Flott, lustbetont, ohne Ehrfurcht vor dem Klassiker spielte ein junges Ensemble. Da verzeiht man sogar gelegentliche Schwächen.

Sehr unmittelbar der Einstieg: Das Gericht, das zu befinden hat, ob Friedrich Graf Wetter vom Strahl (Mirko Roggenbock) das Käthchen (Charlott von Blumencron), die Tochter des anklagenden Waffenschmieds Theobald (Helmut Wiesinger) verhext hat, sitzt auf dem Balkon, Kläger und Angeklagter befinden sich auf fast leerer, schwarzer Bühne. Nur vier schwarze Sessel stehen dort. Abwechselnd treten Friedrich und Theobald zur Rechtfertigung zum Mikrofon an der Rampe. Schließlich sagt auch Käthchen aus. Sie stellt sich auf die Zehen, das Mikrofon hängt zum Gaudium des Publikums viel zu hoch. Der Minimalismus wird von Bühnenbildnerin Daniela Juckel recht konsequent durchgehalten. Das ist vorteilhaft.

Respektlos sind viele Details. Friedrichs Knecht Gottschalk (Thomas Mraz) darf aus dem Vollen komödiantisch agieren, so wie Rosalie (Karin Yoko Jochum), die Dienerin der bösen, den Helden umgarnenden Kunigunde (Antje Hochholdinger). Eine der komischsten Szenen: Gottschalk spielt mit Selbstmordgedanken, dieweil süße Renaissancemusik erklingt, er zögert, dann zielt er auf die Galerie, schießt die Musik mausetot.

Ritter, gepanzert wie Motorradfahrer

Auch Friedrichs Mutter Helena (Christine Jirku) und sogar der Kaiser (hervorragend gespielt von Peter Pikl) haben neben einem etwas bizarren Habitus ironische Tiefe. Ein wenig überzogen, wie ein Rüpelspiel, wirken die Kämpfe der Ritter. Sie sind gepanzert wie Motorradfahrer oder Eishockey-Profis, Klaus Haberl in der Doppelrolle Freiburg/Eginhardt und Thomas Richter als Rheingraf sind äußerst agil, die Höhepunkte der Rauferei spielen sie in Zeitlupe, Slapstick eben. Bei der Belagerung des Schlosses wird dann geklotzt, mit Nebelmaschine und Mauerfall.

Beinahe frei von Ironie ist die Rolle des Helden. Roggenbock schlägt sich bis auf vereinzelte textliche Schwächen wacker, er wirkt jedoch im Vergleich zu den Frauen ein bisschen zu jung. Das wird auch noch durch die Inszenierung verstärkt: Hier steht ein Bub, dem die Mutter – im grellen grünen Kostüm, die Frisur verwegen selbst für die grässlichsten „Seitenblicke“ – mit Spucke und Taschentuch das Gesicht säubert. Die unheimliche Kunigunde, dieses vieldeutige Wesen, überragt ihn bedrohlich, Kussszenen mit ihr sind eine Turnübung.

Es ist kaum glaublich, dass dieser blonde Jüngling von diesem Käthchen vorbehaltlos angehimmelt wird. Blumencron spielt eine leicht entrückte Person mit Hexenhaaren, die man sich nicht leicht als liebliche Fünfzehnjährige vorstellen kann. Immerhin ist sie aber doch verzaubert, denn in den entscheidenden Momenten springt ihr ein hübscher Cherub bei (Philipp Scholze), der diesem Abend ebenfalls eine wunderbare Leichtigkeit gibt. Dann geht alles sehr schnell, fast übereilt. Der Regisseur fackelt nicht lange. Tempo, Tempo! Zu Ostern übers Jahr wird geheiratet. Kaisertochter und Reichsgraf! Wie romantisch! Die Mischung aus sprachgewaltigem Kleist von 1810 und spätmittelalterlicher Spiellust trägt beträchtlich zum Gelingen bei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2007)

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