Christoph Grissemann und Dirk Stermann über Red Bull, Hansi Hinterseer und den Apfelstrudel von Eva Herman: Ein Plädoyer für „anständige“ Kochsoldaten.
Die Presse: Sie trinken Red Bull am Morgen?
Christoph Grissemann: Ich trinke gern Red Bull. Hat einfach eine bessere Wirkung als Kaffee. Das ist das Kokain des kleinen Mannes.
Aber es hat auch etwas Kindliches.
Grissemann: Ja, das schmeckt nach Gummibären... die esse ich aber nicht – das wäre ja sonst der totale Nahrungsinfantilismus.
Ist Ihr neues Kabarettprogramm „Die deutsche Kochschau“ eine Reminiszenz an den derzeitigen Koch-Hype im Fernsehen?
Grissemann: Ausgehend davon, dass gerade im deutschen Privatfernsehen Menschen mit Ziegenbärten und offenen Hemden die Kochszene übernommen haben, fanden wir es notwendig, einen Gegenpunkt zu setzen, indem strengere, anständigere Leute das Kochen übernehmen. Und deshalb waren die Figuren dieser vertrottelten Nazis, die sich in der Küche gütlich tun, ganz gut.
Die klingt wirklich „anständig“.
Grissemann: Ja sicher. So nach dem Eva-Herman-Prinzip...
...rechtschaffener Apfelstrudel also...
Grissemann: ...und dass die Küche wieder in deutscher Hand ist. Diese zwei Nazis, die da kochen, sind das exakte Gegenteil von Jamie Oliver und Tim Mälzer. Das finde ich super. Mir geht es zu locker zu in den TV-Küchen.
Dirk Stermann: Vor allem, wenn man weiß, dass solche Küchen organisiert sind wie ein Nazi-Camp. Wir kochen in der Show ein deutsches Gericht auf eine groteske Dritte-Reichs-Deutschheit: Die Köche sind quasi Kochsoldaten.
Es wird aber nicht nur gekocht – oder?
Stermann: Nein. Das Programm ist so eine Art Babuschka des Schreckens: Vier desolate, vom Schicksal nicht geliebte Menschen werden vorgestellt.
Grissemann: Wieder steht Verzweiflung im Vordergrund: Wenn man Neonazi wird, dann muss man ja ein ganz verzweifelter, defekter, armer Mensch sein, um sich dieser Szene anzuschließen. Arme Idioten...
Stermann: ...die aber trotzdem weitermachen und versuchen, ihr Leben hinzukriegen. Das ist das Berührende.
Sie ziehen in Ihrer Programmvorschau einen Vergleich mit Brad Pitt und Uwe Ochsenknecht. Wo finden sich die Parallelen?
Grissemann: Nachdem Stermann von „News“ zum 24.erotischsten Mann gekürt worden ist, sehe ich durchaus einen Vergleich...
Stermann: ...zu Uwe Ochsenknecht.
Grissemann: Und dass ich mit Brad Pitt vergleichbar bin, das brauche ich wohl nicht auszuführen, das sieht man ja!
Gut. Nächstes Thema: Sie starteten mit der Nazi-Tour in Berlin – warum?
Stermann: Die Berliner sind uns gegenüber viel unkritischer. Denen ist wurscht, wenn wir erst noch etwas rumprobieren.
Die Deutschen finden „Ösis“ niedlich, während diese, wenn ein Deutscher dabei ist...
Stermann: ...es grundsätzlich einmal grauslich finden. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Sie sind seit 20 Jahren da – wird man als Deutscher in Österreich nie heimisch?
Stermann: Nein, weil die Österreicher das nicht zulassen. Ich gehe deswegen aber nicht in den deutschen Dschihad.
Wie wissen Sie, ob ein Witz funktioniert?
Stermann: Früher haben wir die Witze zuerst im Radio gemacht und selber gefühlt, ob das funktioniert oder nicht.
Aber man hört die Hörer ja nicht lachen.
Stermann: Nach zwanzig Jahren Radio schon.
Grissemann: Wir arbeiten mit einem Techniker zusammen... an dessen Gesichtszügen kann man erkennen, ob ein Witz geht.
Stermann: Ich hätte auch gar nichts dagegen, ganz viel zu klauen. Aber das trauen wir uns jetzt nicht mehr, weil wir schon einmal gestohlen haben, und der, von dem das stammte, saß dann zufällig im Publikum. Das war so peinlich.
Grissemann: Wir klauen also jetzt subtiler.
Stermann: Schlimm wäre es, wenn wir uns aus Witzeforen im Internet bedienen würden. Das wäre dann das Ende.
Sie haben alle Medien erobert, sogar auf YouTube findet man Ster- und Grissemann.
Grissemann: Aber wir glauben nicht, dass wir jetzt noch einen täglichen Weblog schreiben müssen. Ich habe sogar das Gefühl, dass wir zu viel machen, dass es fast einer Belästigung gleichkommt. Deshalb möchte ich mich langsam aus dem Radio zurückziehen. Dann langsam aus dem Kabarett – und nur mehr als Schauspieler Erfolge feiern.
Wieder eine Parallele zu Brad Pitt. Aber was wird dann Stermann machen?
Grissemann: Stermann ist mittlerweile in der Immobilienbranche tätig.
Stermann: Bei der Meinl-Bank.
Grissemann: Er muss ja ein Auslangen finden.
Haben Sie je daran gedacht, sich an den Größen des Unterhaltungsfernsehens zu orientieren – Hansi Hinterseer oder Armin Assinger? Die finden gut ihr Auslangen.
Grissemann: An den Erfolg von Assinger und Hinterseer werden wir nie herankommen. Wir sind nicht sympathisch, nicht schleimig genug. Es wundert mich ja, dass „Willkommen Österreich“ im ORF schon so lange läuft. Bisher sind wir immer nach spätestens acht Folgen abgesetzt worden.Aber ich mache mir keine Illusionen. Ich weiß, dass wir nie und nimmer Fernsehmenschen werden, die vor 23Uhr on air gehen. Da fehlt es an Quote von vorn bis hinten.Und wir könnten uns auch gar nicht ver-hansi-hinterseern, selbst wenn wir wollten – das würde man uns nicht abnehmen.
Stermann: Doch, ich schon!
DIE TERMINE
„Die deutsche Kochschau“ hat heute, Dienstag, um 20Uhr im Rabenhof Premiere.
Aufführungstermine 2007: 18., 29.–31. Oktober; 3.–5., 12.–14., 25.–27. November; 3., 4., 9.–11. Dezember. ? (01)7128282
In den Bundesländern: 19.,20.10. Uni Klagenfurt; 24.,25.10. Posthof Linz; 26.,27.10. Orpheum Graz.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2007)