Kunsthistorisches Museum. „Der späte Tizian“, ein Lehrstück über seine Maltechnik.
Sah der greise Tizian schlecht? Hat ihm gar beim Malen die Hand gezittert? Solche Fragen werden heutzutage bei Kinderführungen im Kunsthistorischen Museum (KHM) gestellt. Ab der Mitte des 16.Jahrhunderts aber, als der venezianische Meister (1477/90–1576) mit immer kühneren Pinselstrichen die Kunst revolutionierte, zeigte sich so mancher Auftraggeber irritiert über diese Fleckenmalerei („pittura di macchie“). Damals wusste man noch nicht, dass sein dramatischer Stil weitere ganz Große von Tintoretto, Veronese, Velázquez, Rubens und Rembrandt bis hin zu unserer Zeit beeinflussen würde. Hier wird die Farbe zur Kontur, zunehmend ist das eine offene Malerei, die aus einem hoch komplexen Prozess resultiert.
Eine exzessive Schau im KHM – die bisher teuerste des Hauses mit einer Versicherungssumme von 650 Mio.€ – widmet sich ab Mittwoch dieser Spätphase. Kuratorin Sylvia Ferino-Pagden kann aus dem Vollen schöpfen: Rund 60 Meisterwerke (ein Drittel aus dem eigenen Haus, die anderen aus illustren Museen, Kirchen und Palästen in Paris, London, Washington, St.Petersburg, Florenz oder Venedig) ergeben ein Lehrstück über die Arbeitsweise des Tiziano Vecellio jenseits seines 60.Lebensjahres.
Nymphe und Schäfer Schicht für Schicht
„Der späte Tizian und die Sinnlichkeit der Malerei“ heißt das Großunternehmen. Die sonst in Wien viel zu dicht gehängten Werke mit den typischen Brauntönen wurden stark reduziert, um die Leihgaben ergänzt, nach Themen geordnet. Nun sind erstaunliche Vergleiche möglich: dreimal „Tarquinius und Lucretia“ (Bordeaux, Cambridge, Wien), zweimal „Danae“ (Madrid und Wien), dreimal „La Bella“ (Wien, St. Petersburg, Florenz) mit Pelz, Federhut und Kleid – täuschend ähnlich schaut das aus, und doch sieht man anhand der Erklärungen einen radikalen Entwicklungsprozess. Auch der 400 Seiten starke Katalog hilft dabei.
Passend zur Tiefenanalyse gab es in Wien ein langfristiges Forschungsprojekt. Tizian wurde regelrecht durchleuchtet, anhand von Röntgen- und Infrarotaufnahmen wurden die verschiedenen Schichten der Arbeit studiert. Besonders aufwendig erfolgte dies bei der KHM-Ikone „Nymphe und Schäfer“. Dieses ganz späte Werk wurde von Restauratorin Elke Oberthaler in fünf Jahren Arbeit behutsam restauriert und mikroskopisch auf die Maltechnik hin untersucht.
Direkter Vergleich mit Rubens
„Tizian war in der Tat der Herausragendste all jener, die gemalt haben; denn seine Pinsel erzeugten immer Ausdrücke des Lebens“, sagte Jahrzehnte nach dem Tod des Künstlers dessen Schüler Palma il Giovane, der die sich über Monate erstreckende Arbeit an einem Bild mit der eines Chirurgen vergleicht. Zum Schluss habe Tizian seine Bilder mehr mit den Fingern als mit dem Pinsel vollendet.
Reizvoll ist die Konfrontation mit Peter Paul Rubens. Tizians raffinierte „Venus vor dem Spiegel“ (National Gallery of Art in Washington) mit dem Spiel von Verbergen und Enthüllen wurde von Rubens in einer ebenso raffinierten Rückenansicht variiert (Liechtenstein Museum). Auch Veronese, Tintoretto und Van Dyck griffen diese höchst erfolgreiche Komposition auf. Tizians „Mädchen mit Fächer“ ist in der ersten Version für Spaniens König Philipp II. nur in einer Kopie von Rubens erhalten. Nun kann man dieses Bild des KHM mit einer Originalfassung (Dresden) vergleichen. Es stellt wahrscheinlich Tizians Tochter Lavinia dar und zählt mit seiner Wärme, seiner Intimität zu den schönsten weiblichen Bildnissen des Alterswerks.
Einige der Gemälde, die nun in Wien zu sehen sind, wurden erst kürzlich restauriert, etwa das „Selbstbildnis“ aus dem Prado. Von ungeheurer dramatischer Wirkung sind „Christus am Kreuz“ aus dem Escorial, der „Heilige Sebastian“ aus der Eremitage, vor allem aber „Die Schindung des Marsyas“ aus dem Erzbischöflichen Museum Olomouc, Kromeeíe: Der Satyr Marsyas hat tollkühn Apollon zum musikalischen Wettstreit herausgefordert und wird von dem zur Strafe bei lebendigem Leib gehäutet. Zitterte Tizian die Hand? Versagte ihm das Auge? Nein, dem Betrachter schwindelt vor dieser ungeheuren Szene. Dieses Bild vibriert. Ein Chirurg hat es gemalt.
ALTER MEISTER
Dem Spätwerk ab 1550 widmet sich die Tizian-Ausstellung in der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums. Kooperationspartner sind die Gallerie dell'Accademia und die Soprintendenza Speciale per il Polo Museale Veneziano.
Termin: 18. Oktober '07 bis 6. Jänner '08, Di–So 10–18h, Do 10–21h. Katalog 35. Eintritt 10, ermäßigt 7,5, Schüler 3,5.
www.khm.at("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2007)