MEDIZIN UND INFORMATIK. Wie bekommt man ältere Menschen dazu, genug zu trinken? Oder die Herdplatte jedesmal abzudrehen? Technik kann dabei helfen. Sie muss nur den Bedürfnissen von Senioren angepasst sein.
GRAZ. „Oma, du brauchst ein Handy!“ – „Kind, was soll ich mit einem Handy anfangen, wo ich weder die Ziffern lesen kann, noch die winzigen Tasten erwische?“ Wer kennt nicht diese oder ähnliche Gespräche am Familientisch? Während jedoch die Handy-Industrie inzwischen erkannt hat, dass user-freundliches Design auf Altersklassen abgestimmt sein sollte und Seniorenhandys mit großem Display und Tasten anbietet, mangelt es anderen Technologiebereichen an der Bedienungsfreundlichkeit für ältere Menschen. Um diese Usability in der Informatik zu verbessern, wurde in Graz eine einzigartige Forschungseinheit eingerichtet: HCI4MED.
Was tun gegen Technikfrust?
Was unaussprechlich kompliziert erscheint, ist ein Kürzel für „Human-Computer Interaction for Medicine“ und heißt nichts anderes, als dass Problemstellungen aus der Medizin mit Hilfe von Psychologie und Informatik erforscht und gelöst werden. Die Wissenschaftler setzen dabei auf die strenge Kombination naturwissenschaftlicher und ingenieurwissenschaftlicher Methoden.
Die Entwicklung der Technologie wird immer schneller, und es gibt immer mehr Information in immer kürzerer Zeit. Das trifft auch besonders auf die medizinische Informatik zu. Aber im Gegensatz zur Technologie kann sich der Mensch nicht so schnell entwickeln, die Reaktionszeit und Handhabung hinken der Entwicklung der Technik nach und – Frust und Ablehnung gegenüber neuen Anwendungen ist oft die Folge.
Die „Presse“ traf den Leiter des EU-Projekts, Andreas Holzinger von der Medizinischen Uni Graz, zum Gespräch: „Wir forschen auf der psychologischen Seite, um z.B. Bedürfnisse, Ängste und Fähigkeiten und auch neue Interaktionsmethoden der Menschen zu ermitteln. Die Ergebnisse dieser Experimente fließen direkt in die Informatikentwicklung ein, mit dem Ziel, dass das technologische Modell möglichst das mentale Modell, also die Vorstellungen, der Benutzer unterstützt.“
Holzinger selbst weiß, wovon er spricht: Als habilitierter Informatiker hat er davor auch Psychologie und Medienpädagogik studiert und in den Kognitionswissenschaften promoviert. Er wundert sich nur, warum es heutzutage nicht gängiger ist, in allen Bereichen die Psychologie und Informatik zu verbinden: „Die besten Ergebnisse kann man nur erzielen, wenn man von beiden Bereichen Spezialisten daranlässt. Psychologen beispielsweise können als Naturwissenschaftler sehr gut herausfinden, was Menschen brauchen – die Informatiker liefern als Ingenieurswissenschaftler das unabdingbare technische Know-how – die Umsetzung.“
In Experimenten der Forschungsgruppe wurden z.B. Personen verschiedener Altersklassen und Berufsgruppen unterschiedliche Mensch-Computer-Interaktionen mit unterschiedlichsten Technologien zur Verfügung gestellt und deren Handhabung getestet.
„Das war ein Computer?“
Dabei zeigte sich, dass z.B. junge Ärzte bestens mit Tastatur und Palm-Stift umgehen können, wobei ältere Menschen besser ihren eigenen Finger benutzen und sich auf Touch-Screens gut orientieren können. „Es gibt eine natürliche Abneigung der älteren Generation gegen Computer, weil sie eben nicht mit diesen Technologien aufgewachsen sind – und die nicht auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sind. Unsere Aufgabe ist es, Anwendungen zu entwickeln, die akzeptiert werden, brauchbar und benutzbar sind“, erklärt der Grazer Wissenschaftler.
Das seiner Meinung nach größte Lob, das Holzinger von einer 83-jährigen Versuchsteilnehmerin nach einem Experiment erhalten hat, war: „Das war jetzt ein Computer? Das war ja lustig!“
Moderne Technologien sinnvoll für ältere Menschen einzusetzen, darum geht es dem EU-Projekt, in dem fünf Länder zusammenarbeiten. Konkret sollen Hilfestellungen gefunden werden, die in Notfallsituationen greifen bzw. solche, die Notfallsituationen vermeiden, also präventiv wirken. „Wichtig ist, dass ältere Menschen so lange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung leben können und überhaupt eine höhere Lebensqualität haben“, meint Holzinger. Als Anwendungsbeispiele nennt er Sensoren in der Wohnung, die erkennen, ob die Herdplatten zu lange eingeschaltet sind: „Ein Bildschirm, der lediglich Fehler anzeigt, ist dafür nicht ausreichend. Man muss die Information so präsentieren, dass auch Leute, die nicht mehr gut sehen und hören können, verstehen, was los ist.“
Oder man versucht das bekannte Problem, dass im Alter das Durstgefühl nachlässt und dadurch die Gefahr einer Dehydrierung besteht, zu lösen. Es gibt zwar schon Hörgeräte, die im Ohr den Wasserhaushalt von Personen messen, aber Anzeigen oder Warnlampen die verkünden, dass man mehr trinken sollte, bringen wenig. „In der Psychologie gehen wir die Frage anders an. Wir möchten herausfinden, wie wir die Menschen dazu bewegen können, mehr zu trinken. Das funktioniert z.B. mit einem spielerischen Aspekt, bei dem die Leute das Trinken als Verhaltensmuster wieder erlernen“, sagt Holzinger.
Menschliche Faktoren einbauen
Ein Ziel ihrer Forschungen gilt auch dem lebenslangen Lernen, Schlagwort: Life-Long-Learning. Oft fehlen älteren Menschen Ansprechpartner und Beschäftigungen, so dass vielleicht auch mit den geistigen Fähigkeiten passiert, was stets für den Körper zitiert wird: Wer rastet, rostet. Wenn man aber die neuen Technologien so einsetzt, dass die ältere Generation Freude daran hat, sie zu benutzen, ist der Anspruch des Life-Long-Learning bald erfüllt. „Wir versuchen ganz besonders die menschlichen Faktoren in die Entwicklung einzubringen. Wenn die sogenannten „human factors“ in der Technik überwiegen, dann hätten wir es geschafft. Aber da ist noch viel Arbeit notwendig“, meint Holzinger abschließend.
HUMAN COMPUTER INTERACTION FOR MEDICINE
Die Forschungseinheit des Instituts für Medizinische Informatik, Statistik und Interaktion ist weltweit einzigartig.
Derzeit arbeitet sie u.a. am EMERGE-Projekt der EU: Dabei geht es um Gesundheitsvorsorge bei alten Menschen für eine erhöhte Lebensqualität.In einem Team aus neun Partnern aus fünf Ländern wird erforscht, wie ältere Menschen in Notsituationen unterstützt oder vor Notsituationen bewahrt werden können. Hauptkoordinator ist das Frauenhofer Institut in Deutschland.
www.meduni-graz.at/imi("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2007)