Biologie: Jeder hat seine individuelle Duftnote

(c) Elisabeth Oberzaucher
  • Drucken

Österreichische Forscher haben die Achselausdünstung eines ganzen Dorfes erhoben und analysiert.

Den riech' ich schon zehn Meter gegen den Wind!“ So stöhnt mancher über sein Talent zur olfaktorischen Früherkennung ungeliebter Bekannter. Aber wie viel von dem Geruch, den jeder verströmt, kommt vom Menschen und wie viel von Kosmetik und Ernährung? Hat jeder einen individuellen Duft? Diese Frage versuchten Forscher des Konrad-Lorenz-Instituts für Verhaltensforschung (KLIVV) und des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Stadtethologie (LBIS) in Kooperation mit amerikanischen und britischen Labors zu lösen (Journal of the Royal Society Interface 4, S.331).

Zwar haben schon andere die Frage untersucht, aber oft mangelte es an der Stichprobengröße oder daran, dass die Personen nicht mehrmals hintereinander getestet wurden. Die Gruppe um Dustin Penn (KLIVV) und Karl Grammer (LBIS, Uni Wien) suchte sich ein Kärntner Alpendorf und rekrutierte fast 200 Teilnehmer, die über einen Zeitraum von zehn Wochen fünf Mal zur Duftprobe ins Labor gebeten wurden. „Greifenburg im Drautal ist mein Heimatort, deswegen konnten wir die Menschen auf einer persönlichen Ebene gut erreichen. Wir haben die Mitglieder von 16 Großfamilien für das Projekt begeistern können“, berichtet Elisabeth Oberzaucher, Mitarbeiterin des LBIS über die Auswahl der 2000-Einwohner-Gemeinde.

Der Aufwand für die Versuchsteilnehmer war groß: Eine Woche vor der Duftabnahme durfte man nur das zur Verfügung gestellte parfumfreie Deo benutzen, zwei Tage davor nicht mehr die Achseln rasieren, sich einen Tag vor Duftabnahme nur mit der parfumfreien Seife waschen bzw. zwölf Stunden davor gar nicht waschen und nach der letzten Dusche das weiße Experiment-T-Shirt (parfumfrei gewaschen) anziehen.

„Der Anblick von vielen Dorfbewohnern in weißen Leiberln war schon beeindruckend“, schmunzelt Oberzaucher. Sie alle kamen in die Gemeindebibliothek, wo die Forscher das provisorische Labor aufgebaut hatten. Dort hieß es: „Arme hoch!“ Eine chemische Probe der Achselhöhlen wurde abgenommen, mit kleinen Rollen, überzogen mit einer klebrigen Substanz, die alle flüchtigen Duftstoffe aufnimmt. Die Rollen wurden tiefgefroren zur Indiana University nach Amerika geschickt, wo Helena Soini sie im Gaschromatographen analysierte. Auch Speichel- und Urinproben wurden gesammelt, so entstand ein Bild der Duftstoffe der Gemeindebewohner aus Greifenburg.

Viel liegt in der Familie...

Heraus kam, dass Familienmitglieder große Ähnlichkeiten im Duft aufweisen, aber dass doch jedes Individuum einzigartig riecht. Manch einer riecht jede Woche ein bisschen anders, andere haben stets den gleichen Duft. „Wir konnten zeigen, dass der Körpergeruch eine individuelle Signatur jedes Menschen ist. Aber im Gegensatz zum Fingerabdruck, der zweidimensional ist, hat der Körpergeruch so viele Dimensionen, wie er Substanzen beinhaltet“, sagt Oberzaucher. Von diesen Substanzen gibt es viele: Nur zwei Verbindungen kamen in allen Duftproben vor, nur 35 Substanzen in mehr als 50Prozent der Proben. Dafür gab es hunderte Stoffe, die bei den verschiedenen Personen unterschiedlich oft vorkamen. Von Phenolen, Alkoholen, Aldehyden über Ketone und Ester war alles dabei.

Auch auf Geschlechtsunterschiede testeten die Forscher die Duftproben. Wie erwartet riechen Männer und Frauen unterschiedlich. Doch es ist nicht so, dass eine bestimmte Substanz bei einem Geschlecht vorkommt und dem anderen fehlt. Wieder ist es das Gemisch, das den Unterschied macht. Wenn man den Output des Gaschromatographen ansieht, kann man nicht einfach sagen: „Das ist ein Mann“ oder „Das ist eine Frau“. Man kann nur Wahrscheinlichkeiten errechnen. Deswegen wird auch der Weg in die Bionik vorerst nicht weiter beschritten. Finanziert wurde das Projekt von amerikanischer Seite, um der sogenannten „e-nose“ näherzukommen: einem Gerät, das Menschen am Geruch erkennt und individuell zuordnen kann.

Doch so eindeutig wie der klassische Fingerabdruck ist eben der Geruch nie. Zu viele Faktoren spielen da mit. „Wir haben die Probanden auch bei jedem Test über Ernährung, Verhütungsmethode, Menstruationszyklus, Sporttätigkeit, Hygienegewohnheiten, Haustiere und Medikamenten-, Alkohol- und Nikotinkonsum befragt“, erzählt die Forscherin. Wenn die Analysen dieser Daten abgeschlossen sind, könnten die Forscher erstmals zeigen, welche Substanzen in Abhängigkeit dieser Faktoren im Körpergeruch vorkommen.

...bzw. ihrem verwandten Immunsystem

Der Achselduft kommt nicht vom Schweiß per se, sondern von den Mikroben auf der Haut. Schweiß besteht zu 99Prozent aus Wasser (der Rest sind vor allem Salze) und ist geruchlos. Erst bei seiner Zersetzung durch Bakterien entsteht der individuelle Geruch. Daher beschreibt ein Duftbild jedes Menschen eigentlich die Zusammensetzung seiner Hautmikroben. „Es gibt unterschiedliche Theorien, wie der für Familien typische Geruch zustandekommt“, meint Oberzaucher: „Am plausibelsten finde ich, dass Menschen mit ähnlichem Immunsystem ähnlich riechen, weil das Immunsystem nur gegen die Bakterien vorgehen kann, die es erkennt. Wenn innerhalb einer Familie das Immunsystem gegen bestimmte Bakterien nichts machen kann, entsteht natürlich der Geruch, den diese übrig gebliebenen Bakterien produzieren.“ In dem Projekt war auch die Analyse der Mikroflora der Achselhöhlen geplant, doch dieser Bereich führte zu technischen Problemen.

Was kam bei der Analyse von Speichel und Urin der Dorfbewohner heraus? „Im Vergleich zum Achselgeruch waren im Speichel viel weniger individuelle Substanzen zu finden und im Urin noch weniger. Doch alles, was an charakteristischen Markern im Urin war, war bei der Person auch im Speichel, und alles, was im Speichel aufscheint, ist auch im Schweiß zu finden“, zählt Oberzaucher auf. Im Extremfall könnte man also Personen am Urinduft erkennen. Doch zum Glück sind wir eine Spezies, die den anderen lieber am Körperduft erkennt.

GERUCHSQUELLE: Bakterien

Frischer Schweiß ist geruchsfrei, er besteht zu 99Prozent aus Wasser. Schweiß riecht erst dann, wenn ihn die Bakterien auf der Haut – nach drei bis vier Stunden – zersetzen. Deren Zusammensetzung macht also den individuellen Körpergeruch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2007)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.