Die Nazi-Kochschau: Seinerzeit im Salon Helga

Rabenhof
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Kabarett im Rabenhof. Stermann & Grissemann blicken traurig zurück auf zwei Minuten österreichische Fernsehgeschichte: die total versiebte „Deutsche Kochschau“.

Das Wichtigste beim Verfassen einer Restaurantkritik über den Rabenhof in Erdberg, wo seit Dienstag der Zwei-Hauben-Klassiker „Die Deutsche Kochschau“ serviert wird, ist, dass man nie – niemals! – die zwei Chefs aus den Augen verliert, die in ihrer Ironieresistenz verwechselbar sind, seit FM4 in die Jahre gekommen ist. Also: Der untersetzte Tiroler mit der samtig-kratzigen, hochtönenden Stimme und dem Nazi-Akzent ist Christoph Maria Grissemann, der Deutsche mit dem viel längeren Bart und der ölig-brummigen, tieftönenden Stimme ist Dirk Stermann.

Diese Unterscheidung ist wichtig, denn wer die Namen von Dirk Grissemann und Joseph Maria Stermann verwechselt, so wie sie selbst in der Schau, läuft Gefahr, all ihre Pointen zu versäumen. Und der Zeitdruck ist enorm. Nach zwei Minuten ist die Kochschau vorbei, also sollte man auf Lacher gewissenhaft vorbereitet sein.

Weil Stermayer und Grinsemann Radio-Vollprofis sind, die genau wissen, dass ein Zweiminüter zwar ein ausführliches Shorty, aber beileibe keine Sendeleiste ist, nicht einmal im toleranten Rabenhof, haben sie das Programm vorn und hinten gestreckt. Und das ist tückisch, denn plötzlich, so sagt jedenfalls Grinsemayer, ist der Rabenhof kein Rabenhof mehr, sondern eine Volkshochschule, und der stämmige Tiroler (oder der bärtige Deutsche?) hat sich als Volkshochschuldirektorin verkleidet, hochhackig, mit knisterndem roten Haar und erotisierendem Kleid, während die andere den Manu im Afro-Look spielt – einen Kursleiter für Flugangst, der in Erich Honeckers Trainingsanzug fantastische Tänze zeigt.

Der Kurze wippt unmerklich mit. Er sieht jetzt aus wie Chris Lohner und spielt entrückt wie Oskar Werner. Der Lange imitiert Richard Gere und bewegt seine Hüften wie Toni Polster. Nun hat das Vorspiel zur Kochschau den dramatischen Höhepunkt überschritten, zum Chill-out erzählt der Dünne fantastische Witze aus dem Ruhrgebiet, die er aus dem Internet heruntergeladen hat. Der Dicke trinkt billigen Weißwein. Dazwischen schauen sie sich Filme aus Seinerzeit an. André Heller, noch mit Vollbart, und der junge Ernst Grissemann haben sich als Tiroler verkleidet und erschießen auf einer grünen Winterwiese Einheimische. Niemand lacht, weil er die Anspielung auf Ex-Minister Lütgendorf verstanden hat, weil es die Anspielung wahrscheinlich gar nicht gibt.

Wie also hat die deutsche Küche gemundet? Wurde sie total versiebt? Aber nein, es waren zwei Stunden der Nostalgie, ein Ratespiel nach dem Muster: Wo warst du an dem Tag, als im Salon Helga das erste Mal über Lacans Analfistel philosophiert wurde? Dirk, Joseph, Christoph, Maria, die Kursleiterin und ein tauber Beleuchter spielten wirklich nicht schlecht. Na ja, dramaturgisch könnten sie noch ein bisschen zulegen, besonders bei der Weinverkostung. Niemand hat bemerkt, dass die exzessive Weinverkostung eine Abrechnung mit Gusenbauer war bzw. seiner Puppe, die auch gelegentlich im Rabenhof spielt. Aber gerade die streckenweise völlig unbekannte Weinverkostung war der absolute Höhepunkt des Kochkurses.

Nach der Schau lasen zwei anonyme Autoren aus dem verschollen geglaubten Reisetagebuch „Debilenmilch“ (tropenverlag). Man durfte es sogar vereinzelt kaufen. So klang der Abend doch noch versöhnlich aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2007)

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