Wenn wir dann den Nobelpreis haben

Statt der Verweltlichung Österreichs kommt die Verösterreicherung der Welt!

Auch heuer wieder ist dieses gute Land nach Bekanntgabe der Nobelpreise in ein leises Raunzen – „Schon wieder nicht! Wie gibt's denn das? Aber die Deutschen schon! Königgrätz!! Cordoba!!!“ – verfallen.

Aber diesmal hat eines Mannes entschlossene Stimme uns aus dem trüben Selbstmitleid gerissen. Wissenschaftsminister Johannes Hahn hat mutig verkündet: Wir brauchen einen österreichischen Nobelpreisträger in den nächsten zehn Jahren!

Keine Nanosekunde zweifeln wir daran, dass es dem Philosophen im Ministerbüro, with a little help from diversen Forschungsdialogen, Exzellenzinitiativen, Eliteausschüssen, Innovationserlässen, ministeriell gesteuerten Kreativitätsinduktionsprozessen und natürlich selbstlosen PR-Agenturen, gewiss gelingen wird, binnen Zehnjahresfrist den Anruf aus Stockholm zu erzwingen. Umso vorfreudiger malen wir uns aus, was uns erwartet, wenn's dann so weit sein wird. Das Land wird blühen, und uns wird Folgendes blühen, mindestens:

☺Vollständige Sequenzierung etlicher Genome von nationalem Interesse, darunter der Gams, des Erdapfels, der Veltlinertraube, der Reblaus, der Quantlaus und des Doppeladlers.

☺Vereinigung von Quantenmechanik und Relativitätstheorie in den Grenzen von 1905.

☺Endgültige Befreiung und Entfesselung aller Floh-, Nasch-, Jahr- und sonstiger Märkte, flankiert von der Umwidmung der Marktämter in „ökosoziale Hayek-Akademien“.

☺Alle Diplomarbeiten und Dissertationen werden rückwirkend von allen Stellen befreit, die Missgünstige als Plagiate missverstehen könnten.

☺Jede Bildungs- und/oder Forschungseinrichtung darf und muss sich entscheiden, ob sie hinfort Exzellenz-, Elite- oder nur Edelinstitut heißen will. Die Institutsvorstände sind im Sinne der weiteren Hebung der Forschungsmoral fortan als „superconductors“ (im Notfall auf Deutsch: „Supraleiter“) zu titulieren.

☺Zusätzliche Errichtung eines Eminenzinstituts für Genetik in Mariazell. Dessen vornehmste Mission: Versöhnung von Darwinismus und Kreationismus unter erzbischöflicher Aufsicht, zu diesem Behufe wird die sog. Junk-DNA auf Spuren göttlicher Interventionen durchsucht.

☺Hubschrauberverkehr zwischen Schottentor und Maria-Gugging sowie zwischen Stephansdom und Mariazell im Fünf-Minuten-Takt, wird zum frühestmöglichen Zeitpunkt durch Teleportation ersetzt.

☺Die Zeitschriften „Nature“, „Science“, „Cell“ und „Physical Review Letters“ werden annektiert und dem Amtsblatt der „Wiener Zeitung“ angeschlossen. Ausländer dürfen selbstverständlich weiterhin darin publizieren, wenn nichts gegen sie vorliegt.

☺Alsbaldiges Gipfeltreffen des Laureaten mit dem Dalai Lama und dem Papst in einem niederösterreichischen Wellness-Kloster, wo der Dalai Lama sich vor lauter Rührung zum Katholiken und der Papst die Definition von Österreich als immerwährende Insel der Seligen zum Glaubensgrundsatz erklären wird.

☺Und überhaupt: Statt der schleichenden Verweltlichung Österreichs die Verösterreicherung der Welt im Sinne Jörg Mauthes, dessen Roman „Die große Hitze“ aktueller denn je ist in Zeiten des Klimawandels. Wir werden auch diesen gut überstehen, wenn wir nur erst unseren Nobelpreisträger haben! Zehn Jahre noch!!


thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2007)

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