Schalentiere, rote Farbe, Steinklingen: Aus Funden an der Küste von Südafrika schließen Anthropologen, dass Homo sapiens sich – und seine Kultur – vor 164.000 Jahren am Strand entwickelt hat.
Vor 164.000 Jahren, an der Küste von Südafrika, formten Menschen komplexe Werkzeuge aus Steinklingen, aßen Meeresfrüchte, malten mit roter Farbe. Das leiten Anthropologen um Curtis Marean (Arizona State University) in Nature (449, S.905) aus ihren Funden ab – und erstaunen damit die Fachwelt.
Denn diese datiert die Anfänge sowohl der avancierten „Stein-Technologie“ als auch der Verwendung von Farbstoff für kultische oder künstlerische Zwecke frühestens auf eine Zeit vor 70.000 Jahren. Eher auf 45.000 Jahre, auf den Übergang vom Mittelpaläolithikum zum Jungpaläolithikum, von der Mittel-Altsteinzeit zur Jung-Altsteinzeit.
Das Seltsame an dieser althergebrachten Einteilung der Frühgeschichte (siehe Kasten): Sie nimmt keine Rücksicht darauf, welche Art von Menschen „Träger“ einer Epoche ist. So beginnt das Altpaläolithikum (Alt-Altsteinzeit) per definitionem mit der Bearbeitung von Stein durch Menschen – die aber die längste Zeit noch nicht zu Homo sapiens zählten, sondern zu anderen Homo-Arten, eventuell sogar zu den Australopithecinen. Das Mittelpaläolithikum (vor ca. 130.000 bis 40.000 Jahren) erlebten in Europa vor allem Neandertaler.
Zurück in die Anfänge unserer Art
Mit ihrer spektakulären Rückdatierung kommt Marean also nicht nur tief ins Altpaläolithikum, sondern zurück in die Anfänge unserer Art, Homo sapiens. Dieser hat sich in Afrika aus dem Homo erectus entwickelt. Vor 200.000 bis 150.000 Jahren war er – anatomisch – auf dem heutigen Stand, genauer können das die Anthropologen nicht sagen. Das liegt auch an der Seltenheit der Funde: Viele potenzielle Fundstätten wurden durch das Ansteigen des Meeresspiegels in der (bis heute dauernden) Zwischeneiszeit überschwemmt. Die ältesten eindeutig als H.sapiens identifizierten Fossilien sind Schädel aus Äthiopien, 195.000 bis 160.000 Jahre alt.
Aber waren Menschen der Art Homo sapiens vor 164.000 Jahren wie wir? Dachten, sprachen sie wie wir? Waren sie modern? Die Frage ist nicht so naiv, wie sie klingt. Denn bisherige Funde – Felszeichnungen, Werkzeuge etc. – sprechen für einen späten, aber raschen Übergang zum wirklich „modernen Menschen“, zum Kulturträger: Nach vielen Jahrzehnten der relativen Stagnation habe der Homo sapiens damals, vor ca. 45.000 Jahren, das symbolische Denken, die Kunst, die Religion, die Spezialisierung, ja: die Innovation selbst entdeckt. Viele glauben sogar, dass die Sprache nicht älter ist. Wobei völlig offen ist, ob dieser Umbruch eine genetische Basis hatte oder „rein kulturell“ war wie die Erfindung der Schrift.
Nun also die Funde an der Küste von Südafrika, in den Höhlen am „Pinnacle Point“, in denen schon vor 400.000 Jahren Menschen lebten. Laien muten die Objekte unspektakulär an: mit rotem Ocker (Fe2O3) angefärbte Steine, kleine Klingen („bladelets“) aus Stein, Schalen diverser Muscheln, Schnecken und Krebse. Datiert wurden die Funde doppelt: mit einer Luminiszenz- und einer Isotopen-Methode (230Th/U).
Die Reste archaischer Mahlzeiten faszinieren die Archäologen. „Millionen Jahre lang“, erklärt Marean, „haben unsere Vorfahren nur Landpflanzen und Landtiere gegessen. Schalentiere waren unter den letzten Nahrungsmittel, die vor der Erfindung der Landwirtschaft dazukamen.“
Trockenheit und Not in Afrika
Diese Erweiterung des Menüplans sei nicht aus Gourmandise geschehen, sondern aus Not, in Ermangelung gewohnter Nahrungsquellen. Der Griff zu Schnecken und Muscheln als Reaktion auf Umweltbedingungen also. Die waren rau im Afrika des Altpaläolithikums, erklärt Marean: „Vor 195.000 bis vor 125.000 Jahren war ein Großteil Afrikas trocken bis wüstenartig, in vielen Gegenden war es wohl schwer, Nahrung zu finden. Paläoökologische Daten legen nahe, dass es nur fünf oder sechs Orte in ganz Afrika gab, wo Menschen überleben konnten.“
Aus solchen Überlegungen und durch die Analyse von Meeresströmungen usw. kam Marean auf Pinnacle Point, wurde fündig und siedelt jetzt die Anfänge des H.sapiens genau dort an. Denn eine Art – wenn's denn eine eigene, vom H.erectus abzugrenzende Art ist – entsteht nach allgemeinem darwinistischen Verständnis nicht an mehreren Orten („multiregional“), sondern an einem. Die Periode, in der die menschliche Bevölkerung laut Befund der Genetiker auf einen kleinen Rest („bottlenecks“) zusammengeschrumpft sein soll, könnte mit der Entstehung des Homo sapiens zusammenfallen.
So sei Homo sapiens an der Küste Südafrikas entstanden, vermutet Marean. Von dort hätte er sich leicht ausbreiten können: die Küste entlang. „Sobald die Menschen wussten, wie man Nahrung aus dem Meer fischt, konnten sie die Küstenlinie als Pfad für lange Wanderungen verwenden.“ Wanderungen, die sie schließlich in alle Gegenden dieser Erde brachten.
LEXIKON: Die Steinzeit
1) Paläolithikum: a) Altpaläolithikum: ab der Bearbeitung von Stein, ca. vor 2,5 Mio. bis 130.000 Jahren; b) Mittelpaläolithikum: 130.000 bis 40.000, ab Erfindung flexiblerer Faustkeil-Varianten; c) Jungpaläolithikum: ab den ersten Felsmalereien u.ä.
2) Mesolithikum: schlecht definierte Zwischenphase, in Europa ca. vor 10.000 bis 6000 Jahren.
3) Neolithikum: ab Erfindung des Ackerbaus, also z.B. in Mesopotamien vor ca. 12.000, in Europa vor 6000 Jahren. Ende mit Beginn der Metallverarbeitung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2007)