FIA-Motorsport: Echte Rennfahrer rechnen nicht, sie geben Gas

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Karl Wendlinger beobachtet die Formel 1 nur noch als „TV-Fan“, er drückt Hamilton die Daumen und hofft selbst auf seinen zweiten Titel in der GT-WM.

WIEN/Thiersee. Er fuhr Anfang der 90er-Jahre selbst in der Formel 1, war Teil des Jet-Set-Business und der Tiroler Karl Wendlinger hatte sich auch einen Namen gemacht. Der Österreicher lebte seinen Traum, in der Königsklasse zu fahren und gab zu Zeiten, in denen von ABS, Servolenkung oder Airbags keine Rede war, Gas. Er fuhr für Leyton-House, March und von 1993 bis 1995 für Sauber-Mercedes. Er bestritt 41 Rennen und eroberte vierzehn WM-Punkte. 1994 überlebte Karl Wendlinger einen tragischen Unfall, als er beim Training zum GP in Monaco ausgangs des Tunnels in die Streckenbegrenzung prallte. Er lag damals neunzehn Tage im Koma, mit ihm litt Österreich. Der Tiroler wurde wieder gesund und blieb als Rennfahrer dem Motorsport treu, aber nicht mehr in der Formel 1.

Rennfahrer als Fan

Damals, sagt der 39-jährige Familienvater heute, „war es sofort mit der Formel-1-Karriere vorbei. Ich bin froh, dabei gewesen zu sein, aber das ist alles schon verdammt lange her und weit weg. Schön ist's gewesen.“ Der Rennfahrer ist aber ein Fan der Königsklasse geblieben, und sofern er nicht zeitgleich selbst im Cockpit sitzt, verfolgt er einen Grand Prix „gerne vor dem Fernseher“.

In dieser Saison drückte er vor allem McLaren-Mercedes-Piloten Lewis Hamilton die Daumen, denn der junge Brite imponiert dem „Herrn Karl“. Warum, gar aus alter „Firmentreue“? Wendlinger winkt dabei ab, das sei alles viel zu lange her. Aber Hamilton, der Bursche, der habe es ihm angetan. „Weil es soetwas noch nie gegeben hat, dass einer daherkommt und allen davonfährt. Der Ausrutscher in China war Pech. Wie stark Hamilton fahren kann, hat er in Fuji gezeigt. Daher glaube ich, dass er am Sonntag in São Paolo Weltmeister wird. Er hat alle Chancen in seiner Hand.“

Bis auf kurze Abstecher in der DTM und der V8-Zakspeed-Serie ist der Tiroler seit seinem F1-Abschied in der FIA-GT-WM engagiert. 1999 gewann er mit der Chrysler Viper den Gesamttitel, 2000 landete er sogar den prestigeträchtigen Daytona-Sieg. Er fuhr die schönsten Dienstwagen wie Ferrari 575 Maranello, Audi TT-R, Maserati MC12 und jetzt nimmt Wendlinger in einem Aston Martin DBR9 Platz.

Wer immer gewinnen will

Am Sonntag bietet sich ihm beim Saisonfinale der GT-WM in Zolder, Belgien, die Chance auf seinen dritten Weltmeistertitel nach 1989 (Formel-3) und 1999. Mit seinem Partner Ryan Sharp (Sco) steht Wendlinger für das Jet-Alliance Racing Team als Dritter der Gesamtwertung am Start. „Aber fünf Teams können den Titel gewinnen“, versucht Wendlinger zu hohe Erwartungen schnell zu bremsen. „Es ist auch eine Glückssache, wir lassen uns einfach überraschen“, denn auf Rechenbeispiele oder Theorien gibt der Eishockey-Liebhaber und De-Niro-Fan nichts. „Ich will in Zolder unbedingt gewinnen. Wenn uns das gelingt, haben wir unseren Teil geleistet, alles andere können wir nicht beeinflussen.“

Das hat Wendlinger mit Hamilton gemein: Beide wollen immer gewinnen, was der Rest des Feldes macht, ist uninteressant. Echte Rennfahrer rechnen nicht, sie haben den Fuß am Gaspedal und das Herz am rechten Fleck.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2007)

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