Welcher Journalist wäre nicht gerne dabei gewesen, als Figl und Molotow gefeiert haben?
Was wäre gewesen, wenn die Nazis den Krieg gewonnen hätten? Mit dieser Masche hat der Engländer Robert Harris vor 15 Jahren den Bestseller „Fatherland“ versehen, einen durchaus plausiblen Thriller, zu dessen grauslichen Details gehört, dass Berlin tatsächlich von Albert Speer nach den Plänen Adolf Hitlers ausgebaut worden ist.
Das neueste Buch von Harris aber behandelt eine viel schwierigere Frage als die nach einer Alternativ-Geschichte. Dieses tückische Problem plagt vor allem politische Journalisten: Wie ist es denn wirklich gewesen? War Figl betrunken oder Molotow? Oder waren es beide, und wer hat dann wen unter den Tisch gesoffen? Was waren dabei ihre letzten Worte?
Wie gerne wäre man auch ein Mäuschen gewesen, das beim Spargelessen zwischen Gusenbauer und Haider hätte mitnaschen dürfen, oder in jener trauten Stunde dabei war, als Molterer, Pröll und ein Dutzend weiterer heimlicher ÖVP-Chefs Kanzler Schüssel freudestrahlend mitteilten, dass er nun Klubobmann sei.
Wir wissen nichts Genaues. Harris aber, der einen Schlüsselroman über den britischen Ex-Premier Tony Blair geschrieben hat, war der Macht als Kolumnist der „Sunday Times“ sehr nahe. Er schrieb 1997 den Sieg des Labour-Chefs geradezu herbei. In der Wahlnacht saß Robert mit Tony vor dem Fernseher und fieberte mit. Wer, wenn nicht er, könnte Auskunft über das wahre Blair-Projekt geben?
Wir lesen also in The Ghost, dass ein stets lächelnder britischer Regierungschef Adam Lang der Erfüllungsgehilfe eines schwachsinnigen US-Präsidenten sei, der ihn in einen sinnlosen Nahost-Krieg getrieben habe, wir lesen, dass Langs Gattin von der CIA manipuliert sei. Derart offensichtliche Enthüllungen aber machen stutzig. (So viel wissen wir auch schon über das Spargelessen zwischen Wien und Kärnten, den Molotow-Cocktail und die schwarze Seele an sich.) Der Verdacht liegt nahe, dass Harris sein früheres Idol gar nicht bloßstellen, sondern nur schützen will, dass er heimlich noch immer im Dienst von Blair steht.
Die unverblümte Wahrheit also – und um die zu erfahren, muss man kein Corgi der Queen sein, man muss nur ein wenig weiter zurückgehen: Blair war nie der Pudel von George Bush junior, sondern der Schoßhund von Margaret Thatcher, deren Pläne hat er brav erfüllt. Im Vergleich zu ihr war Ronald Reagan ein Friedensfürst, Milton Friedman ein Sozialist. Thatcher hat Gorbatschow geküsst, den Kalten Krieg gewonnen und die Malvinas noch dazu. Über sie einen Schlüsselroman zu schreiben, wäre hoch an der Zeit. Aber wer traut sich das schon? Sie sitze noch heute im Büro und unterstreiche ihr wichtig scheinende Dokumente mit giftgrünem Leuchtstift, hört man aus sicheren Geheimdienstquellen. Solch eine Geistergeschichte möchte man lesen.
norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2007)