Das Wesen des Orchideenstudiums

Risken und Chancen eines Studiums mit wenig Absolventen.

Schon allein der Begriff trägt etwas Abwertendes in sich. Landläufig versteht man unter „Orchideenfächern“ jene Studienzweige, die zum einen wenige Absolventen hervorbringen und zum anderen mit schlechten Berufsaussichten in Zusammenhang gebracht werden.

Ganz von der Hand zu weisen ist gerade der letzte Punkt nicht – Absolventen der Archäologie oder der Finno-Ugristik begegnet man im AMS immer wieder. Und tatsächlich ist zum Beispiel der Bedarf an Byzantinisten am Arbeitsmarkt nicht gerade groß. Mit etwas Glück findet sich aber auch für derartig ausgebildete Spezialisten ein Arbeitsplatz, an dem sie das im Studium erworbene Wissen umsetzen können. Denn Museen, Bibliotheken und auch Uni-Institute brauchen Nachwuchs.

Abgesehen davon können einzelne Fächer, die lange als Orchideenstudien gehandelt wurden, plötzlich heiß begehrte Spezialisten hervorbringen. Bestes Beispiel: Sinologie. Wurden Studienanfänger lange Zeit belächelt, wenn sie Chinesisch inskribierten, suchen Unternehmen heute zunehmend nach Absolventen – etwa Firmen, die vom Wirtschaftsboom in China profitieren wollen. Die Olympischen Spiele in Peking im kommenden Jahr dürften auch noch Chancen für ausgebildete Sinologen mit sich bringen.

Jobgarantie? Eher nicht

Oft liegt es lediglich im Auge des Betrachters, wenn von einem Orchideenstudium gesprochen wird. Aus Sicht von Naturwissenschaftlern oder Medizinern mag etwa Slawistik ein solches sein. Bei einer Zahl von mehr als 1000 Studierenden allein an der Uni Wien scheint eine solche Beurteilung nicht mehr ganz so plausibel.

Eine Jobgarantie bietet ein Studium, das als Orchideenfach verschrien ist, natürlich nicht. Ein Studienanfänger muss sich dessen auf jeden Fall bewusst sein, dass ihm am Arbeitsmarkt nicht die Türen eingerannt werden. Umgekehrt sollte er sich aber auch die Frage stellen, ob er sich mit einem Thema beschäftigen will, in das er Liebe, Leidenschaft und Engagement steckt – oder ein Studium nur wegen guter Berufschancen wählt. Und das, obwohl er sich dafür eigentlich gar nicht interessiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2007)


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