Motorsport. Karl Wendlinger gewinnt das Saisonfinale der FIA-GT-WM im belgischen Zolder, muss sich aber mit dem Titel des Vize-Weltmeisters begnügen.
ZOLDER. Wer nicht wüsste, dass gleich neben der belgischen E314-Autobahn kurz vor Genk, nebst Fischteichen und inmitten eines malerischen Waldstückes eine Motorsport-Rennstrecke liegt, der würde glatt an Zolder vorbeifahren. In den 70er-Jahren noch drehte hier die Formel-1 ihre Runden, Niki Lauda gewann zweimal auf diesem Kurs. Doch seitdem Spa in Ecclestones Kalender steht, erlitt Zolder das gleiche Schicksal aller nicht mehr gebrauchten Kurse: Rundum eroberte die Natur ihr Terrain zurück, nur noch kleine Klubs veranstalteten Rennen und der Ring geriet beinahe in Vergessenheit. Doch mit dem Gastspiel der FIA-GT-WM erlebte Zolder seine Renaissance.
Hautnah am Geschehen
Die FIA-GT-WM bietet Motorsport in vielen Facetten, Formen und Tönen. Es ist ein Verband aus Profis und Amateuren, und da es neben Sport natürlich um Business, Geld und Marketing geht, lobte der Automobilweltverband FIA die Serie zur WM aus. Der Besuch in Zolder jedenfalls bestätigte, was DTM, Motorrad-WM, Rallye oder Formel-3 in anderen Städten schon gezeigt hatten: Die Formel 1 bietet (sterilen) pompösen Motorsport, die anderen Disziplinen kann der „Normalverbraucher“ berühren, spüren und angesichts realistischer Summen begreifen. Der Gast darf in die Boxenstraße, ins Fahrerlager, er darf das Geschehen hautnah miterleben er ist König, zumindest für einen Tag. In der F1 ist das undenkbar.
Läuft das Zweistunden-Rennen, bekommt der Besucher große Augen und lernt den ohrenbetäubenden Lärm der Motoren schnell zu lieben die Idylle rückte in Vergessenheit. Kein Bolide knatterte und röhrte so laut wie die Corvette, nicht einmal der Porsche. Bei Ferrari und Maserati stießen, als sie die Turbos zündeten, Stichflammen aus den Auspuffen und als der 608-PS-starke Aston Martin des Jet-Alliance-Teams (Fahrer Robert Lechner) in einer Kurve eine Pirouette hinlegte, wurde der Anspruch des Motorsports einmal mehr offensichtlich: Piloten müssen nicht nur schnell sein, sondern sehr gut Autofahren können.
Seit 2006 ist das Jet-Alliance-Team in der WM vertreten, die ihren Champion heuer in Belgien kürte. Lukas Lichtner-Hoyer ist Fahrer, Team-Besitzer und Hauptsponsor in Personalunion, denn der 45-jährige Familienvater ist auch Präsident der gleichnamigen Business-Jet-Flotte. Einst war er Privatpilot von Frank Stronach, im Jahr 2000 übernahm er mit Partnern die damalige Magna Air und heute umfasst die Airline über 40 Business-Jets. Motorsport dient Lichtner-Hoyer als liebstes Hobby und „auch als perfekte Plattform für Marketing-Agenden“. Im PS-Kosmos tummelt sich ein Teil seiner Klientel, hier kann er ein umfassendes Netz aufbauen.
Das Geschäft befindet sich im Steigflug, nicht nur ob der Leistungen, die heuer der Tiroler Karl Wendlinger mit seinem Partner Ryan Sharp (Sco) gezeigt hat. In Zolder kämpfte er um den zweiten WM-Titel nach 1999, er fuhr von der Pole-Position einem Start-Ziel-Sieg entgegen, nur es reichte nicht zum WM-Titel. Den sicherte sich der Italiener Biagi mit vier Punkten Vorsprung. Für seinen Teamchef war Wendlinger trotzdem der Held. „Er ist eine tolle Saison gefahren, im nächsten holen wir uns gemeinsam den Titel!“
Strenge „Hausordnung“
Als die Rennautos in den Trucks verstaut und die letzten Besucher nach Hause gefahren waren, kehrte wieder Ruhe in Zolder ein – pünktlich um 18.30 Uhr, so verlangt es die mit Anrainern vereinbarte „Hausordnung“ an Sonntagen. Egal, ob ein Weltmeister gefeiert wird oder nicht. An diese „Ladenschlusszeiten“ musste sich schon die F1 halten, da kennt der Belgier kein Pardon.
ZUR PERSON
Karl Wendlinger (* 20. 12. 1968 in Kufstein) fährt seit 2004 in der FIA-GT-Serie. Von 1991 bis 1995 bestritt der Tiroler insgesamt 41 Rennen in der Formel 1. Er war dabei für die Rennställe Leyton House, March und Sauber im Einsatz. Wendlinger erreichte insgesamt 41 WM-Punkte. Nach einem Unfall in Monaco 1994 lag er 19 Tage im künstlichen Koma.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2007)