Interview:„ORF ist geldverschlingendes Monster“

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Peter Lammerhuber über den Abschied von der Mediacom, Versäumnisse der Medienunternehmen und Ideen, wie dualer Rundfunk doch noch funktionieren könnte.

WIEN. Leicht sei es nicht gewesen, die Zügel bei der 1987 von ihm mitbegründeten Mediacom aus der Hand zu geben, gesteht Peter Lammerhuber der „Presse“: „Es war schwer, das Baby herzugeben. Ich habe ein Jahr lang gekämpft.“ Seit Juli ist Joachim Feher bei der Mediacom als Geschäftsführer am Ruder, Lammerhuber ist CEO der GroupM Austria, dem Medianetwork der WPP, zu dem auch die Mediacom gehört. Er verstehe sich „als Eigentümervertreter und Berater der Agenturen“, Synergien werden gesucht. Jahrzehntelang hat Lammerhuber wichtige Etats verwaltet, über die Verteilung von Werbegeld mitbestimmt und die Medienlandschaft beobachtet.

Und weil sich alle auf den ORF eingeschossen haben, versucht er den Gegenschlag – nach dem Motto: Die Verlagshäuser sollten unternehmerischer vorgehen anstatt nach Verboten zu rufen. „Immer gibt es einen Hilferuf an die Politik, wenn etwas schief geht: Da wurde endlich Privatradio zugelassen – aber alle haben Ö3 in der Mitte angegriffen und ließen die jugendliche Zielgruppe an der Flanke außer acht. Dann hat der ORF FM4 gemacht und plötzlich heißt es: FM4 gehört privatisiert.“

Viele Chancen versäumt

Die heimischen Medien hätten schon öfters Chancen versäumt. „Beispiel Ostöffnung: Es gibt ein paar Print-Aktivitäten, das größte Engagement gibt es in Slowenien und Kroatien von der Styria. Aber im TV-Bereich, der in Osteuropa zur Privatisierung anstand, ist kein Medienhaus aus Österreich dabei. Beim Radio auch nicht.“

Dass die Kritik am ORF daher rührt, dass er zur Hälfte aus Gebühren finanziert ist, was die Konkurrenzsituation verzerrt, lässt Lammerhuber nicht gelten: „Man kann natürlich jedes Investment des ORF immer als Querfinanzierung bezeichnen.“ Das Gebührenmonopol hält Lammerhuber aber für antiquiert. Sein Vorschlag: „Man nehme die ORF-Gebühren, gebe sie einer unabhängigen Behörde und verteile sie nach einem zu definierenden Schlüssel.“ Mögliche Kriterien: Aufbau technischer Reichweite, österreichische Programmgenerierung und Wertschöpfung. „Damit wäre das Thema der Förderung privater elektronischer Medien vom Tisch.“ Denn nicht nur der ORF würde etwas aus dem Gebührentopf bekommen, auch ATV oder Puls4. Allerdings müsste es dann auch heißen: „Werbung für alle im gleichen Ausmaß – auch für den ORF. Dann hätten wir fairen Wettbewerb.“

Er „glaube nicht, dass die Manager des ORF viel dafür können, wie desaströs der ORF beieinander ist – außer bei der Programmreform. Im Endeffekt ist die Politik schuld, die Zentralbetriebsräte.“ Der ORF sei auch mit 2000 statt 4000 Leuten machbar. „So ist der ORF ein geldverschlingendes Monstrum.“

ORF bleibt „Flucht nach vorn“

Warum aber sollte die Politik für eine Gebührenteilung sein? „Weil das andere Szenario der Untergang des ORF ist.“ Durch Kabel und Sat könne man heute schauen, was man wolle: „Die Technik hat den Markt liberalisiert. Den Schmarren, den man für die Politik produziert, schaut niemand an – man denke an die Hofberichterstattung unter Monika Lindner.“ Es gebe nur „die Flucht nach vorn“: „Machen wir Konkurrenz, das belebt das Geschäft. Machen wir die Gebühren und die Werbung auf.“ Sonst werde der ORF zu einer „geschützten Werkstatt“.

DER NEUE

Joachim Feher ist Lammerhubers Nachfolger als CEO der Mediacom. Er hat die Geschäftsleitung der Agentur per 1.10. um Marcela Atria (digit. Medien, Organisation), Karina Pelzl (Print, Plakat, „Magic Moments“) und Andreas Vretscha (Research, Development, elektronischer Einkauf) erweitert. [APA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2007)

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