Das Mumok hat einen neuen Schwerpunkt. Eine China-Ausstellung voller Kunstmarkt-Stars.
Brutal grinsende Einheits-Fratzen in Pink, samtweiche Porträts in Grauschattierungen mit ätherischen Hervorhebungen, eine zum bunten Spielball in stürmischer See zusammengeballte Gesichter-Masse oder pralle Babys auf Fantasy-Schwingen: So plakativ, grell und großformatig hat die chinesische Malerei vor etwa drei Jahren am Kunstmarkt durchgestartet. Und präsentiert sich so auch im ersten Saal der heute eröffnenden großen Mumok-Ausstellung „China – Facing Reality“: mit Malerei von Yue Minjun, Zhang Xiaogang und Fang Lijun.
Der „Zynische Realismus“ und der „Politische Pop“ stellen heute die begehrtesten „Trophys“ am Markt. Die Summe, die Sotheby's und Christie's noch vor zwei Jahren mit Gegenwartskunst aus Asien verdiente, hat sich heute verneunfacht, ist von 22 Mio. Dollar auf 190 Mio. (2006) angestiegen, rechnete zumindest Gregor Jansen vom ZKM Karlsruhe aus, wo ebenfalls gerade mit „Thermocline of Art. Neuer asiatischer Kunst“ dem Boom gehuldigt wird. Und auch bei den Londoner Auktionen vergangene Woche wurde er nicht gestoppt: Alle zehn angebotenen Bilder chinesischer Maler wurden verkauft, den höchsten Preis erzielte mit 1,1 Mio. Euro die „No. 5“ aus der Masken-Serie von Zeng Fanzhi von 1999.
Diese Gier des Markts nach Altbekanntem, nach dem, was die Sammler kennen, lenke den Blick allerdings von der sehr wohl vorhandenen jeweiligen Weiterentwicklung der Künstler ab, beklagt Alexander Ochs. Der Deutsche war einer der ersten Galeristen, die sich bereits vor dreieinhalb Jahren in Peking ansiedelten – „damals waren wir vier, heute gibt es 500 Galeristen“, erzählt er vor einem der bekannten Mega-Formate seines Stars Fang Lijun stehend. Voriges Jahr hat er das monumentale Gemälde um 500.000 € verkauft. Heute erreichen auf Auktionen um einiges kleinere Werke bis zu 1,5 Mio. €.
Die Nachfrage, so Ochs, ging aber ursprünglich nicht vom Westen aus, sondern von China selbst. Von einer in der Kulturrevolution groß gewordenen Generation, heute Mitte 50, die von der Sars-Katastrophe 2003 in ihrem Vertrauen in den Staat erneut irritiert wurden. Ihre darauffolgende Identitätssuche führte dazu, dass sie in ihrer Heimat nicht gezeigte Kunst, die billig in den Westen ging, wieder zurückkauften. Und die enormen Preissteigerungen auslösten.
Heute ist um die besten Stücke ein Wettkampf entbrannt, in dem praktisch nur chinesische und amerikanische Sammler mithalten können, meint Ochs. So hoffe er auch als Europäer, dass sich die Preise auf dem jetzigen Niveau endlich stabilisieren. Einer der größten europäischen Sammler chinesischer Gegenwartskunst – nach Pionier Uli Sigg – ist übrigens Karlheinz Essl.
„China Facing Reality“, Mumok, bis 10.2.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2007)