Der Herbst bleibt nicht, er zieht durch, wie ein Wanderer, der den Hut nicht ablegt.
Von einem historischen Moment sprach in freudiger Aufwallung der zuständige ORF-Experte anlässlich der Umstellung des sog. Antennenfernsehens von analog auf digital – und schwelgte: „Ein Land wird ja nur einmal digitalisiert!“
Das mag sein, und doch ist kaum zu erwarten, dass man in, sagen wir: 20 Jahren noch die umfassende Digitalisierung Österreichs feiern wird, alljährlich am 22.Oktober, vier Tage vor der immerwährenden Neutralität, sieben Tage vor dem Anschlag der 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg, acht Tage vor allen Heiligen, neun vor allen Seelen.
Dabei sind uns in keiner anderen Jahreszeit die Fest- und Feiertage so willkommen wie im Herbst, vom Weltspartag über Martini bis zum von Pädagogen-Mythen umwobenen Direktorstag, und das hat seinen Grund. Mögen die Missgünstigen einander jede müßige Stunde neiden: Im Herbst ist uns jeder Tag Recht, um uns (und Kastanien) zu sammeln.
Denn der Herbst läuft uns davon wie keine andere Jahreszeit.
Den Winter hat noch keiner versäumt, nicht einmal verschlafen, er drängt sich frostig auf; auch der Sommer ist von Dauer, selbst wenn das Wetter nicht zum Baden ist, die Bäder haben offen. Und der Frühling? Da weiß man nicht so recht, mit dieser Jahreszeit ist es ein bisschen wie mit einem jungen Jahrzehnt: Wer sich an ihn erinnert, hat ihn nicht erlebt.
Aber der Herbst ist, wie die Kollegen aus dem kulturwissenschaftlichen Seminar wohl sagen, ein immanent transientes Phänomen. Er bleibt nicht, er zieht durch, wie ein Wanderer, der den Hut nicht ablegt; die Umstellung von Sommer- auf Winterzeit wirkt wie ein verzweifelter Versuch, ihn aufzuhalten. Er beginnt gleich mit einer Illusion, zumindest behaupten das die Physiologen: mit dem von Neil Young so rührend besungenen „Harvest Moon“, der rot über den Erntefeldern und Landstraßen hängt, so riesig, dass man seinen Augen nicht trauen mag, so wenig wie all den Erklärungen.
„Herbst“ hat dieselbe Wurzel wie „harvest“, Ernte, und wie das lateinische „carpere“, pflücken, bekannt vom Horazischen Imperativ („carpe diem“), auch das illustriert seine Flüchtigkeit: Der nächste Vollmond, heuer am Nationalfeiertag, kann mit gutem Glück noch rot und mächtig werden, sein Nachfolger, am 24.November, wird sich wohl schon durch den Nebel kämpfen, und dann, am 24.Dezember, am Heiligen Abend, sieht keiner den Mond vor lauter menschlichem Licht.
Lange davor liegt der Allerheiligenabend, der „All Hallows' Eve“, längst zu „Halloween“ verschliffen, heuer bei abnehmendem Mond, alle Jahre wieder in den Zeitungsspalten als angeblich amerikanischer Import gehöhnt, dabei ein im Wortsinn, weil (vor-)abendliches, tief in die Nacht reichendes abendländisches Fest, ein Düsternis- und Lichterfest, ein Kinder- und Toten-, ein Angst- und Lustfest zugleich.
Die innerlich brennenden Kürbisse, die den Ausschweifenden heimleuchten, mögen die Völkerkundler und Schreckhaften an archaische Menschenopfer erinnern. Sie erinnern aber, selbst Produkte der Ernte, auch an den mächtigen Erntemond. An den Anfang des Herbstes, der heuer wieder schneller vorüber sein wird, als man glaubt, im Antennenfernsehen und in der Wirklichkeit. Haltet ihn!
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2007)