Wer dachte, Breakdance sei ein Relikt der Achtziger, der muss umdenken. Er erlebt eine Renaissance als globaler Hochleistungssport. Eindrücke von der inoffiziellen Weltmeisterschaft in Johannesburg.
Für einen kurzen Moment balanciert Hong10 seinen Körper auf einer Hand. Dann beugt er den Arm, holt mit dem ganzen Körper Schwung, setzt Kopf und Hände am Boden auf. Und rotiert langsam um die eigene Achse. Jetzt springt er auf, blickt seinem Gegner Ronnie tief in die Augen – und lässt sich rückwärtsfallen. Dabei dreht er sich zweimal, kommt am Kopf zu stehen, wirbelt viermal um die eigene Achse. Am Rücken liegend schaut er zu Ronnie hoch. „Dich mache ich fertig“, sagen seine Augen, zu lauten Hiphop-Beats. Wenn Blicke töten könnten, der Südkoreaner Hong10 bräuchte einen Waffenschein.
Hong10 und Ronnie duellieren sich im Semifinale des „Red Bull BC One“, der inoffiziellen Weltmeisterschaft im Breakdance. Sechzehn der weltbesten B-Boys, wie sich die Tänzer selbst nennen, sind nach Soweto, Johannesburg, gekommen, um bei diesem wichtigsten Einzel-Wettkampf zu reüssieren. Battles, wie die Wettkämpfe im Fachjargon heißen, sind so alt wie Breakdance selbst. Bereits in den Anfangstagen im New York der Siebziger traten die B-Boys in Crews gegeneinander an, um ihre Kräfte zu messen – gewaltfrei. In Europa und Asien entwickelten sich daraus formale Wettbewerbe, allen voran das 1990 ins Leben gerufene „Battle of The Year“. Anders als beim BC One treten dabei Gruppen, die Crews, gegeneinander an.
Hier in einem stillgelegten Stromkraftwerk in Soweto ist jeder B-Boy auf sich selbst gestellt. Jeweils drei Runden lang. „Du musst genau wissen, was du tust. Es gibt niemanden, der dich unterstützt, der dich ablösen kann“, sagt Titelverteidiger Hong 10. „Es ist wie Krieg. Du bist alleine. Nur du und dein Gegner“, ergänzt Lilou, Franzose mit algerischen Wurzeln. Im Viertelfinale tritt der Champion aus 2005 gegen den Südafrikaner Benny an. Die rund 1200 Besucher toben. Lilou schließt die erste Runde mit einem Überschlag nach hinten ab. Dabei landet er auf den Unterarmen, streckt sich hoch und lässt einen Rückwärtssalto folgen. Benny applaudiert hämisch, zeigt mit dem Finger auf Lilou – und tut es ihm gleich: Er dreht sich schneller, landet den Salto sicherer. Und gestikuliert wild in Richtung Lilou: „Was du kannst, kann ich schon lange!“
Ein Battle wie ein Dialog
Ein spannender Battle wie dieser ist ein Dialog. Ein guter B-Boy reagiert auf die Moves des Gegners wie auf Argumente in einem Streitgespräch, er will sie im Schwierigkeitsgrad übertrumpfen, perfekter ausführen oder persiflieren. Er will besser mit dem Rhythmus der Musik spielen, den Gegner mit Gesten und Blicken provozieren. Im Idealfall stacheln sich die Kontrahenten – wie Benny und Lilou – gegenseitig zu Höchstleistungen an. „Ich achte besonders darauf, ob ein B-Boy wirklich kämpft“, sagt der 39-jährige Südafrikaner Emile Jansen, einer von fünf Schiedsrichtern. „Bei manchen B-Boys hat man den Eindruck, dass sie bloß eine Show fürs Publikum machen. Klar, das gehört dazu. Aber letztendlich geht es darum, gegen den anderen zu kämpfen.“ Beim B-Boying gibt es keine objektiven Bewertungskriterien, nur die subjektiven Entscheidungen der Judges. Es ist ein offener Stil, der keine Grenzen kennt, höchstens jene der Schwerkraft.
Damals, in der Bronx
Breakdance ist neben Rap, Graffiti und DJing eines der Elemente von Hiphop. Die Bezeichnung stammt vom „Break“, jenem Teil eines Funk-, Soul- oder Disco-Stückes, bei dem die Melodie aussetzt und nur mehr der explosive Rhythmus tönt. DJ Kool
Herc bemerkte Mitte der Siebziger in der Bronx, dass viele Kids nur auf diesen Teil der Songs warteten – und dann die sonderbarsten Bewegungen dazu machten. Er nannte sie B-Boys, kurz für Break-Boys, und legte das Fundament für Hiphop-Musik: Mit zwei Kopien der gleichen Platte, mehrfach hintereinander gespielt, verlängert er das Break beliebig – und lieferte den B-Boys den Soundtrack. Der Tanz war von Beginn an von Kung-Fu und Capoeira beeinflusst, von Salsa, Akrobatik und Stepptanz. In den frühen Achtzigern schwappte Breakdance, wie die Medien B-Boying bezeichneten, in den Mainstream über. Tausende tanzten auf Parties einfache Moves, Hollywood wurde aufmerksam. Doch der Trend war rasch vorbei, Breakdance als Modelaune abgeschrieben wie Legwarmers.
Dass B-Boying heute kein Relikt der Achtziger ist, verdankt es nicht zuletzt jungen Europäern und Asiaten, die diese Kunstform im Underground weiterführten. „Wenn man aktuelle Spitzenleute in die Siebziger zurückbeamen könnte, sie würden wie von einem anderen Stern wirken“, meint der französische Tänzer Sebastien. B-Boying ist athletischer geworden, die Top-Tänzer trainieren mehrere Stunden täglich. Und dennoch erhält es nicht so viel Aufmerksamkeit, wie es sich viele in Johannesburg wünschen. „Viele wissen nicht einmal, dass B-Boying noch existiert“, sagt der US-Amerikaner Spee-D kopfschüttelnd. Dabei wird B-Boying längst wie ein globaler Hochleistungssport betrieben.
Am Ende des BC One ging der Amerikaner Ronnie als Sieger hervor – und mit ihm ein gewisser Konservatismus. Origineller und spektakulärer waren andere, etwa der Sieger der Herzen: Lilou. Als Ronnie und sein Landsmann Roxrite um den Titel kämpfen, rief das Publikum unentwegt seinen Namen. „Ich habe verloren, aber ich fühle mich sehr gut“, grinst Lilou, während Ronnie Siegerinterviews fürs Fernsehen gibt. „Es ist, als ob ich gewonnen hätte.“