Parisapfel

Kunsthistoriker Ross King bittet „Zum Frühstück ins Freie“: eine opulent recherchierte, mitreißend erzählte Studie über Manet, Meissonier und den Ursprung der Moderne.

Was wird von der „documenta 12“ im Gedächtnis bleiben? Ziemlich gute Chancen dürfte die rätselhafteste der drei „Leitfragen“ haben, die einem bereits im Vorfeld der Großschau eingehämmert wurden: „Ist die Moderne unsere Antike?“ Denn über diese lässt sich bis in unabsehbare Zukunft saftig streiten. Ist doch noch nicht einmal sicher, ob wir „der Moderne“ heute überhaupt schon entwachsen sind. Wann diese Moderne in der Kunstgeschichte begonnen hat,
darauf hat sich die Wissenschaft jedoch
bereits einigen können. Und, kleiner Tipp, es ist wohl kein Zufall, dass documenta-12-Chef Roger M. Buergel als Lieblingsmaler Édouard Manet angibt.

Eines seiner aktuellen Lieblingsbücher müsste dementsprechend „Zum Frühstück ins Freie“ heißen, Ross Kings romanhafte Studie zu den „Ursprüngen der modernen Malerei“. Mit geschliffenem populärwissenschaftlichen Stil hat es der 1962 in Kanada geborene begeisterte Wahlengländer in den USA bereits mit zwei Renaissance-Themen auf die Bestsellerliste der „New York Times“ geschafft. Auch sein neuester Band ist ein Gustostück seiner fast schon fetischistisch anmutenden Recherchekünste zur europäischen Kunstgeschichte, deren Entwicklung er elegant mit der politischen und gesellschaftlichen Kultur zu verbinden und teils auch zu erklären weiß. Um die breitenwirksame romanhafte Sogwirkung zu erreichen, bedient sich der Kunsthistoriker und Literaturwissenschaftler eigentlich recht konventioneller Tricks: Personalisierung und Dramatisierung durch zeitliche Raffung.

Die Handlung konzentriert sich auf nur gut zehn Jahre, beginnt 1863, als Napoleon III. zur Ablenkung von seinem Mexiko-Krieg erstmals neben dem emotionalisierenden offiziellen Kunstsalon einen „Salon des Refusées“ zulässt – und klingt 1874 aus, als die dorthin verdrängten, als „Impressionisten“ verfemten „Maler des modernen Lebens“ erstmals gemeinsam ausstellen. Die Besetzung konzentriert der Autor auf zwei exemplarische Charaktere, die er stellvertretend für Vergangenheit und Zukunft gegeneinander antreten lässt: Édouard Manet (1832 bis 1883) und Ernest Meissonier (1815 bis1891). Sind Bedeutung und Biografie von Manet, dem bis heute sklavisch verehrten Guru der frühen modernen Malerei, bereits gründlich aufgearbeitet, dürfte der Name des anderen Malers heute eher für Ratlosigkeit sorgen. Das zärtliche Ausgraben bis hin zu einer sanften Rehabilitierung dieses zu Lebzeiten berühmtesten und teuersten Künstlers der Welt ist die überraschendste Leistung dieses packenden Buches. Erinnert das Schicksal Meissoniers – durchschnittlichen Künstler-Lexika nur mehr eine knappe Eintragung wert – doch eindrücklich daran, wie rasch ein auch noch so einstimmig global ausposaunter Ruhm in den unendlichen Weiten der Kunstgeschichte verhallen kann.

Doch bevor Ross King sich am Buchende dann selbst noch zu einem warnenden Fingerzeig in Richtung heutiger Impressionisten-Verehrung („tröstliche Visionen der Vergangenheit“) hinreißen lässt, inszeniert er genüsslich den von ihm konstruierten Schaukampf Manet vs. Meissonier – also „actualistes“ (Émile Zola) vs. „pompiers“ (verächtlich für Historienschinken-Maler).

17 Jahre älter als sein Konterpart Manet, malt Akademie-Mitglied Meissonier jahrzehntelang an napoleonischen Schlachten-Szenen, verliert sich in manischen historischen Rekonstruktionen bis hin zum Bau einer eigenen Eisenbahnstrecke, nur um die Muskelbewegungen eines galoppierenden Pferdes auf Augenhöhe studieren zu können. Um das Jahr 1863, in dem Ross King mit seiner Erzählung einsetzt, gilt Meissonier nicht nur in Frankreich unangefochten als „König der Maler“, während Manets neue flüchtige Malweise und desillusionierend flächiger Farbauftrag in den Salons Gejohle provozieren, seine „Olympia“ 1865 sogar „Epidemien rasenden Gelächters“. Meissonier dagegen erreicht mit 200.000 Francs für sein Meisterwerk „Friedland“ „mehr als das Doppelte dessen, was je zuvor für das Bild eines lebenden Künstlers bezahlt worden war“. Kein Wunder, dass Eugène Delacroix Charles Baudelaire damals prophezeite, dass „von uns allen ganz gewiss er (Meissonier) es ist, dessen Name bleiben wird“.

Leicht verschätzt. Bereits 1868 begann Meissoniers Stern zu sinken, über die Jahre wird der Wettstreit endgültig zugunsten der „Kleckser“, nicht der „Vollender“ ausgehen, wie Kunstkritiker Théophile Thoré die Parteien beschrieb. Obwohl in den 1980er-Jahren von der Kritik sogar mit Verbrennung bedroht, hängt aber zumindest Meissoniers berühmtes „Friedland“ heute noch im Metropolitan Museum. Nur wenige Meter vom Eingang in den Manet-Raum entfernt.

Ein Urteil, das sich bereits vor mehr als 100 Jahren in Paris herauskristallisierte. „The Judgement of Paris“ heißt so auch das Buchin der englischen Originalversion viel subtiler. Und reizend doppeldeutig. Spielt der Titel doch auch auf Manets einst skandalöses „Frühstück im Freien“ an, dessen zentrale Personengruppe er provokant einem Stich nach einer sagenhaften Paris-Urteils-Szene Raffaels entlehnt hatte. Wie derartige Bosheiten in Richtung Raffael-höriger Akademie zu verstehen waren, welch atemberaubende Intrigen sich rund um den Salon abspielten, den jährlich eine Million Besucher stürmten, oder welch wenig erfreuliche Rolle der radikale Realist Gustave Courbet beim Sturz der Vendôme-Säule während der Pariser Kommune einnahm, sind nur einige Motive dieses meisterlich detaillierten Sittengemäldes, das Ross King hier abgeliefert hat. Stilistisch wäre es also eindeutig Meissonier zuzurechnen. Mit dem qualitativen Unterschied, dass es auch trotz penibler Kleinarbeit den großen Eindruck schafft. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2007)

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