Die Nächte des Grauens

Der Vollmond scheint: Jetzt kommen Werwölfe, Harry Potter und noch viel schlimmere Dinge.

Die in liebevoller Handarbeit in der Volksschule gefertigten rotweißroten Fahnen sind geschwenkt, die ersten beiden Strophen der Bundeshymne korrekt abgesungen worden. Auch die Buttercremetorte mit der rotweißroten Glasur (ökologisch unbedenkliche Lebensmittelfarbe) wurde bereits verputzt.

Wer jetzt glaubt, wir seien eine besonders patriotische Familie, der hat zum Teil Recht. Da ich noch ein Knabe war, ging mir der Tag der Fahne mit der Verabschiedung des letzten russischen Soldaten zwar nie besonders nahe. Wir lebten in Tirol, das höchste Fest war der Todestag Andreas Hofers. Aber unsere Kinder bestehen seit fünf Jahren darauf, dass wir uns am Nationalfeiertag das Sonntagsgewand anziehen und Würde zeigen. Sie haben das aus dem Kindergarten. Da soll noch jemand behaupten, es gebe in Österreich keine Exzellenz-Institute!

Die Rede des Bundespräsidenten habe ich mir bereits spät am Donnerstag angehört, ohne Fahnen, bei „Willkommen Österreich“: eine Collage der besten Passagen aus Reden zur Nation von Kirchschläger, Waldheim, Klestil und Fischer. Grissemann weinte still, sogar der Deutsche Stermann war gerührt. Auch ich war ergriffen bei diesem allerseligen Revival. Da soll noch jemand behaupten, es gebe bei uns keine Exzellenz-Rhetoren, die uns vor uns warnen!

Nun aber ist die stille Zeit des Nationalstolzes vorbei, es kommen die Nächte des Grauens. Der Vollmond scheint, Dracula, die Werwölfe und Fritz Neugebauer erschrecken unschuldige Schulkinder, und meine Kinder verlangen auch noch, dass ich den letzten Band von Harry Potter im Morgengrauen des Samstags aus der Buchhandlung hole. Wir haben „H. P. und die Heiligtümer des Todes“ längst vorbestellt, jetzt heißt es vorlesen bis mindestens Halloween, denn die Zwillinge beherrschen zu Beginn der ersten Klasse zwar erst fünf Buchstaben, wollen aber auch darüber informiert sein, wer wie, warum und wie oft im Abschluss-Band stirbt.

Wieso, frage ich mich, sind meine Kinder derart fasziniert von heidnischen Bräuchen, von Potters Zauberei, von keltischem Grusel? Mögen die auch Allerseelen, dieses neolithische Überbleibsel des Katholizismus, bei dem man die Toten bannt, indem man mit Licht bewaffnet über ihre Ruhestätten trampelt? Meine Kinder, die Patrioten, klären mich auf über den Sinn der Nebelnächte im November: „Wir dürfen uns Horrorfilme anschauen.“

Die Familie hat trotz meiner Warnung den Horror von „Lissi und der wilde Kaiser“ gewählt. Wir sitzen im dunklen Kino. Selbst dem abgebrühten George A. Romero würden sich jetzt die Nackenhaare sträuben, Heinz Fischer könnte jetzt noch so tapfer national sein; der deutsche Humor lebt! Er ist wiedergekommen! Er lauert überall! Er wird uns vernichten!


norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2007)