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Henckel von Donnersmarck: "Ich wollte keine Ost-Reality-Show"

(c) EPA (Paul Buck)
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Interview. Florian Henckel von Donnersmarck über den Oscar für seinen Film „Das Leben der Anderen“, über Feinde, Farben und die Unmoral aus hehrem Glauben.

Wie gewinnt man mit seinem Debütfilm einen Oscar? Der junge deutsche Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck hat auf Einladung der Unternehmensberatung Egon Zehnder International im Auditorium des Leopold Museums aus der Schule geplaudert. In dem von Barbara Rett moderierten Salon verdeutlichte er sympathisch offen, wie viel Willensstärke, Glück und Genialität nötig ist, um ein Millionen-Projekt wie „Das Leben der Anderen“ zu verwirklichen. Man müsse Erfolg immer positiv sehen, sagte er und zitierte Shaw: „Nimm die Eigenschaften, für die man dich am meisten anfeindet, und verstärke sie.“

Im Frühjahr 2007 wurde Henckel von Donnersmarcks erster Spielfilm, eine tragische Liebesgeschichte mitten im Stasi-Staat mit einem einsichtigen Spitzel, von der Jury der Filmakademie in Hollywood als bester ausländischer Film ausgezeichnet. Im Interview mit der „Presse“ sprach der hünenhafte Regisseur dann ausführlich über sein Filmschaffen. Er ist ein außerordentlicher Visualisierer und doziert erst einmal über die Bedeutung der Farben. „Um die Atmosphäre der DDR Mitte der Achtzigerjahre wiederzugeben, habe ich Rot und Blau eliminiert, durch Orange und Grün ersetzt. Tatsächlich haben die Leute das als DDR empfunden. Es gibt kein Rot, Blau in dem Film. In der Empfindung war es genauso.“

Wen mag der Augenmensch Henckel von Donnersmarck also lieber, Tizian oder Tintoretto, der im Venedig des 16. Jahrhunderts mit flinkem Strich das große Kino geschaffen hat? „Auf jeden Fall Tizian mit seinen unglaublich konkreten, messerscharfen Bildern. Bei Tintoretto hingegen muss man so viel dazurechnen im Kopf. Da muss die linke Gehirnhälfte aktiver sein im Entschlüsseln, es wird nicht so sinnlich, man wird zum Aufpassen gezwungen.“


Unmittelbares Staunen auslösen

Als Perfektionist mag er es auch gerne, „dass man einem Bild ansieht, dass sich hier jemand extrem liebevoll Mühe gegeben hat. Das darf nicht anstrengend wirken, muss aber unmittelbares Staunen hervorrufen. In meinem Film bin ich auf kleinste Details eingegangen, wir haben nichts digitalisiert und zum Beispiel jedes Schild per Hand setzen lassen. All die kleinen Unterschiede, die man meistens gar nicht sieht, machen dann auch auf der größeren Ebene etwas aus.“

Was sagt Henckel von Donnersmarck zum Vorwurf, er beschönige die Zustände in der DDR? „Letztendlich geht es in einem Film nie um das, wovon er scheinbar handelt. Man braucht dazu Abstand. ,Doktor Schiwago' wurde anfangs auch als Beschreibung der Russischen Revolution gesehen, ist aber auch eine Liebesgeschichte. Wenn man einmal akzeptiert hat, dass jemand einer Ideologie aufsitzen und wirklich an sie glauben kann, ist es sehr schwer, ganz unversöhnlich zu bleiben. Ein echter Ideologe wird immer glauben, dass sein Ziel die Mittel heiligt.“


„Gedenkt unserer mit Nachsicht“

Die Stasi-Leute, die ihn für den Film beraten haben, seien nur schwer als vollkommen unmoralische Wesen zu sehen. „Die waren aus einem hehren Glauben an etwas angetreten. Sie waren sich klar darüber, dass ihr Tun nicht menschlichem Anstand entspricht. Ihr Geist war jener von Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“: Gedenkt unserer mit Nachsicht, heißt es dort.“

Wie war die Zusammenarbeit mit Ostdeutschen im Film? „Ich wollte keine Reality Show mit Leuten aus dem Osten, aber das Projekt hat sie angezogen. Die hatten viel zu erzählen. Der Vater eines Schauspielers hatte für die Stasi gearbeitet, als Leiter eines Hotels, der vor allem Künstler aushorchte. Die Geschichte hat ihn sehr stark belastet. Nach der Premiere, die er besuchte, kam es plötzlich raus. Er ging dann von Haus zu Haus und entschuldigte sich bei den Leuten. Ein anderer Schauspieler, der großartige Thomas Thieme, hat in der DDR jahrelang im Knast gesessen. Und Ulrich Mühe (der im Sommer verstorbene Hauptdarsteller von „Das Leben der Anderen“) war ein sehr stiller Mensch. Es musste bei ihm aber alles stimmen, sonst hätte er den Film nicht gemacht. Er hatte eine Methode, mich zu verunsichern, wenn er nicht zufrieden war.“

Für das Verfassen des Drehbuches konnte sich der Regisseur ins Kloster nach Heiligenkreuz zurückziehen. Bleibt ihm jetzt, nach dem Gewinn des Oscar, noch Zeit für Kontemplation? Wie stark ist der Druck für das nächste Werk? „Mein Leben ist durch den Film ein interessanter Trubel geworden. Es gibt kein großes Filmprojekt, das mir inzwischen nicht angetragen wurde. Ich bin wahnsinnig viel am Lesen. Aber der Druck macht mir keine große Sorge. Ich bin Filmemacher, nicht nur Regisseur. Ich weiß schon sehr genau, wie ich ,Das Leben der Anderen' gemacht habe. Ich erwarte mir nicht, dass der nächste Film viel besser wird, aber auch nicht, dass er viel schlechter wird. Ich habe schon eine Geschichte im Kopf. Noch ist mir zu viel Wirbel, aber im neuen Jahr werde ich die Arbeit bald angehen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2007)