Die Vertunnelung Österreichs

Vom Tunnel- zum Politblick„Österreich mit Tunnelblick?“, Gastkommentar, von Manfred Wagner, 25. Oktober
Die Tunnelanalyse von Prof. Wagner hat bei aller berechtigten Kritik leider selbst nur eine begrenzte Sichtweise, die sich ästhetisch zu begründen versucht. Die zentralen kultur- und demokratiepolitischen Ursachen, die zum pathologischen Tunnelblick geführt haben, werden darin außer Acht gelassen. Denn von der Asfinag ein gestalterisches, gar künstlerisches Engagement im Straßenbau zu fordern ist nicht nur unfair, sondern richtet sich gesellschaftspolitisch an die falsche Adresse. Die Asfinag agiert im Auftrag der Politik, einer Politik, die in jahrzehntelanger eigener Verantwortung gestalterische Lösungen im Straßen- und Autobahnbau kaum thematisiert hat, schlussendlich überhaupt abgelehnt hat. Die Anwendung der „Kunst am Bau“-Regelung wurde explizit für den Straßen„bau“ außer Kraft gesetzt.

Daher kann begründet davon ausgegangen werden, dass der Asfinag im Zuge der Auslagerung des Bundesstraßenbaus ein diesbezüglich gestalterischer Auftrag gar nicht mitgegeben wurde – und wenn, dann in Fortsetzung der erbärmlichen Modelle von Raststätten- und Parkplatzgestaltungen mit Skulpturen, Gedenktafeln und touristischen Landmarks inklusive trauriger Kreisverkehrskulpturen auf Landes- und Bundesstraßen. In einer Kultur der dynamischen Netzwerke – gleichgültig ob real oder elektronisch – hat das klassische Modell der „Kunst im öffentlichen Raum“ der künstlerischen Raummöblierung ausgedient. Es ist sogar kontraproduktiv: Die umfassenden „Wandvertäfelungen“ der Autobahnen sind als ein unfreiwilliger Beleg für Österreichs Abschottung gegen einen weltoffenen Weitblick zu lesen.

Um beim Tunnelblick zu bleiben: Es zeigt sich, dass die Asfinag die Verbarrikadierung Österreichs fortsetzt, als Folge einer gestaltungsunwilligen, bürokratisierten Politik. Mit anderen Worten, die Ausgliederung bislang staatlicher Aufgaben an den Markt führt uns beispielhaft die Ausblendung aller übergeordneten, gesamtgesellschaftlichen, kulturellen und künstlerischen Verpflichtungen paradigmatisch vor Augen.

Von der Asfinag das zu fordern, was der Politik kein Thema war, dem Kunstbetrieb nicht gelingt, in den Design- und Kunsthochschulen viel zu wenig Beachtung findet, ist unzulässig. Unternehmerischen Pionieren (siehe Haselsteiner) braucht ohnehin die Bedeutung von Kunst nicht erklärt zu werden. Es müsste ihnen und den Vorständen der Asfinag nur einmal gesagt werden, dass Kunst nicht auf Galerien, Museen und Kunstmärkte oder auf die Wände ihrer Büros beschränkt ist. Mit der Annahme einer gestalterisch-künstlerischen Herausforderung in ihrer eigenen Domäne könnte die „eindimensionale Vertunnelung Österreichs“ auf die Höhe eines gesamtgesellschaftlich übergeordneten, kulturell verträglichen und allgemein sinnstiftenden Niveaus mit einem Mehrwert für alle, diesseits und jenseits des Tunnels, gehoben werden.

Richard Kriesche
8010 Graz

VerbauungswahnsinnEs ist völlig unverständlich, dass die Tourismusverantwortlichen, Verkehrsexperten und auch die Landeshauptleute sich nicht gegen diesen kostspieligen Verbauungswahnsinn wehren – demnächst wird nicht einmal mehr der Wienerwald zu sehen sein ... Verständnis für Lärmschutz für angrenzende Bewohner, die schon vor Autobahnzeiten dort angesiedelt waren – aber wenig für Neuzuzug, der günstigen Grund erwarb und mit der Verkehrs-Problematik konfrontiert war. Kein Autofahrer wird gefragt, ob er seine Mautgebühr für diese noch dazu meist optisch total hässlichen Wände verwendet haben will – aber Österreich ist auch da anders, ich nehme an, es gibt nur wenig Nachbarländer, die ihre Mitbürger und Autofahrer so massiert kilometerlang kanalisieren – es kann ja auch von der Gegenseite der Anblick auf meterhohe Wandabschottungen nicht gerade erbaulich sein ... Wer genehmigt das alles eigentlich?

Anneliese Wiesler

1130 Wien

Tourismus ist Teil des ProblemsManfred Wagner geißelt den Tunnelblick, den die Asfinag den Autofahrern in Österreich aufzwingt. Der Umfang der Schallschutzmaßnahmen ist nicht nachvollziehbar, und die mangelnde ästhetische Sensibilität, die sowohl bei der Verschandelung der Landschaft als auch bei der Gestaltung der Schutzwände selbst zu beklagen ist, führt durch die visuelle Langeweile zu einer schnelleren Ermüdung der Autolenker und letztlich zu einem Anstieg der Unfallzahlen.

Das Tunnelblick-Syndrom ist leider verbreitet, gerade was das kulturelle Erbe angeht. Die Verteidigung des Weltkulturerbe-Status der Unesco von Anne-Catherine Simon in derselben Ausgabe des Feuilletons fällt entsprechend schwach aus. Wie kommt die Autorin zu der Ansicht, die Wiener Altstadt benötige den Schutz des Weltkulturerbes nicht unbedingt? Ihr Argument, dass sie allein schon des Tourismus wegen gehegt würde, ist von atemberaubender Naivität. Der Tourismus ist ja Teil des Problems! Die Globalisierung und der zunehmende Massen-Tourismus werden von der Unesco längst kritisch gesehen. Sie hat bereits 1982 einen erweiterten Kulturbegriff formuliert. 2003 hat die Generalkonferenz die Konvention für das immaterielle Kulturerbe verabschiedet. Es geht längst um die kontinuierliche Lebendigkeit des Weltkulturerbes – da hat die Diskussion sinnvollerweise anzusetzen!

Dr. Birgit Schwarz

1010 Wien

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2007)

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