Deutschlands SPD und Frankreichs Sozialisten sind orientierungslos, weil ihnen Bürgerparteien den letzten linken Wind aus den Segeln nehmen.
Ideologie hat heute nur noch dort einen Humus, wo Menschen leiden und eine einfache Antwort auf ihre Probleme suchen. Sonst aber ist unsere Zeit ziemlich ideologielos geworden. In Europa werden alte Ideologien meist nur noch ausgegraben, wenn es politischen Parteien gar nicht gut geht und sie verzweifelt nach Orientierung suchen. Dann sind mit einem Mal wieder einfache Antworten gefragt – gleich ob diese in einer globalen und somit komplizierteren Welt noch zeitgemäß sind oder nicht.
In zwei wichtigen europäischen Ländern ist derzeit das gleiche Phänomen zu beobachten: Sowohl Deutschlands SPD als auch Frankreichs Sozialisten suchen ihre linken Wurzeln. Sie wollen eine von einem starken Staat dominierte und korrigierte Marktwirtschaft. Sie wollen das soziale Netz wieder verstärken und den Menschen Sicherheit vor den negativen Auswirkungen der Globalisierung bieten. Sie definieren das als neue linke Politik. Ihr Problem aber ist, dass der sinkende Einfluss der Politik dies gar nicht mehr möglich machen würde. Ihr zweites Problem ist, dass ihnen der Rest an noch machbarer linker Politik längst von bürgerlichen Parteien abspenstig gemacht wurde. Ob Sarkozy oder Merkel – sie spielen die Rolle der besseren Sozialdemokraten. Und der kleine wirtschaftliche Aufschwung gibt ihnen so viel Rückenwind, dass sie ihre Konkurrenz damit in der ideologischen Flaute einsam zurücklassen können. (Berichte: S.3)
wolfgang.boehm@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2007)