Bis Herbst 2008 wollen Gusenbauer und Lopatka mit der Bundessport-Organisation ein neues Sportsystem für Österreich erarbeiten. Berufssportgesetz inklusive.
WIEN. Die Probleme sind nicht gerade neu: Österreich verliert in Mannschaftssportarten an Boden, viele Sportarten laborieren an gravierenden Nachwuchsproblemen. Da auch sonst einiges faul ist im Sportstaat, wie der Evaluierungsbericht 2007 der Sektion Sport im Bundeskanzleramt ergeben hat, wollen die obersten Sportpolitiker, Bundeskanzler und Sport-Minister Alfred Gusenbauer und Sport-Staatssekretär Reinhold Lopatka, mit „Sport:Zukunft“ einen Dialog über Aufgabe und Perspektiven in Österreichs Sportsystem für Breiten- wie Spitzensport initiieren.
Nur rund ein Fünftel der Menschen bewege sich wöchentlich dreimal, beschreibt Gusenbauer die Ausgangssituation, die Leistungen von Kindern im Springen, Laufen und Werfen seien in den vergangenen 25 Jahren um 15 Prozent gesunken und die Hälfte der drei bis 18-Jährigen würde sich täglich weniger als eine Stunde bewegen. Im Gegensatz dazu aber 100 Minuten fernsehen.
Bis Herbst 2008 wollen rund 30 Experten aus dem Bundeskanzleramt und der Bundessportorganisation (BSO) alle sportrelevanten Fragen aufarbeiten und ein gemeinsames Dokument vorlegen. Was die Arbeitsgruppen in den kommenden elf Monaten erarbeiten sollen, umriss Staatssekretär Reinhold Lopatka: Zum einen gehe es darum, das Förderwesen einfacher und einheitlicher in einem „one-stop-shop“ zu gestalten und buchhalterische wie bürokratische Hürden abzubauen.
Daneben soll die Zahl der Bundesleistungszentren limitiert, die Qualität der Standorte aber nach oben geschraubt werden – mit Unterstützung der sportwissenschaftlichen Universitätsinstitute. Lopatka bemängelte zudem die Trainerausbildung: Die Grundlagen dafür stammten aus dem Jahr 1973, das sei mit ein Grund, warum „außer im Skifahren österreichische Trainer im Ausland kaum gefragt sind.“ Er könne sich deshalb eine Fachhochschule für Sport vorstellen.
Auch das seit Jahren diskutierte und nie beschlossene Berufssportgesetz und Fragen der Sozialversicherung sollen Thema sein. Außerdem will Lopatka Sport und Beruf besser vereinbar machen und den Frauensport fördern.
Struktur-Diskussion eröffnet
Einig sind sich Minister und Staatssekretär darin, dass die Wiege der Sporterziehung in Kindergarten, Schule und Vereinen steht. Deshalb wollen sie Kooperationen fördern und in die Sportausbildung von Kindergarten- und Volksschul-Pädagogen investieren. Da die Schulen aber nicht in die Kompetenz des Sportressorts fällt, werde es aber keine zusätzlich Turnstunden geben, fügte Gusenbauer an.
Weil es im Sportbereich aber um viel Geld – etwa 100 Millionen Euro – gehe, müssten die gewünschten Reformen auch Strukturänderungen mit sich bringen. Angedacht sind daher Modelle, wie sie die Schweiz und Deutschland umgesetzt haben. In beiden Ländern wurden die Olympischen Komitees mit den Fachverbänden fusioniert: 1997 entstand Swiss Olympic, im Vorjahr der Deutsche Olympische Sportbund. Theo Zeh, der als ÖOC-Vorstand und BSO-Funktionär die Struktur-Diskussion seit Jahren verfolgt, kann sich für Österreich ähnliches vorstellen, denn „Kommunikationswege müssen verkürzt, die Fachverbände professioneller“ werden, kritisiert Zeh.
Sport wird nicht weiblicher
Ob die Arbeitsgruppen die vorgegebenen Ziele erreichen, bleibt abzuwarten. Die Latte jedenfalls liegt hoch und wurde bei zahlreichen früheren Anläufen nicht überwunden. Fest steht allerdings schon jetzt: Die Zukunft des Sports wird nicht weiblicher werden. Unter den gezählten 77 Sportfunktionären, die bei der Auftaktveranstaltung von „Sport:Zukunft“ zu Gast waren, fanden sich lediglich zehn Damen. Noch krasser ist das Missverhältnis in den Präsidien der Fachverbände: Von den 59 Sparten-Chefs sind nur drei weiblich...
„SPORT:ZUKUNFT“
Eine 30-köpfige Arbeitsgruppe mit Experten aus dem Bundeskanzleramt und der Bundessportorganisation soll bis Herbst 2008 Vorschläge für ein neues Sportsystem (Förderung, Ausbildung, Umsetzung) vorlegen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2007)