Prachensky: „Die Jungen haben heute einfach keinen feurigen Eifer mehr“

Die Presse (Fabry)
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Markus Prachensky (75) stellt in der Sammlung Essl sein Früh- und Spätwerk aus und erinnert sich: Wie er sich nach 1945 selbst aus dem Sumpf zog, und an Nitsch, der ihn „abkupferte“.

Gut geht es ihm nicht, ganz schlecht aber auch nicht. Markus Prachensky, im Frühjahr 75 geworden, haben die Dämpfe der vielen Zigaretten und Autolackfarben früherer Zeiten zugesetzt. „Kein Mensch würde heute mehr mit diesen Lacken ohne Schutzmaske arbeiten“, sagt er gelassen und richtet sich seine Sauerstoffbrille. Kunst kann eben gefährlich werden... „Ja, kann man wohl sagen“, pflichtet der Tiroler bei. Es wird so ziemlich das einzige Mal bleiben, in diesem „Presse“-Gespräch.

Prachensky ist ein gestrenger Kritiker. Hat aber auch selbst schon einiges einstecken müssen – „Sie haben ja keine Ahnung, was in meiner Jugend über mich geschrieben wurde! Da lachen Sie sich heute tot: ,der Grässlichste von allen‘ oder ,Blutsuppenmaler‘.“ Wobei letztere Beschimpfung leicht auch einen anderen Kollegen hätte treffen können. Auf den Prachensky ähnlich schlecht zu sprechen ist – seit Nitsch für seine Hérodiade-Inszenierung an der Staatsoper ein riesiges Schüttbild verwendet hat. „Eine echte Abkupferung meiner Liquide Peinture. Das habe ich ihm auch gesagt.“

Was man bei Prachensky nämlich oft vergisst, wenn man sich in seinen Variationen explosiver gestischer Gegenstandslosigkeit verliert, ist seine aktionistische Pionierrolle: 1959 soll es im Wiener Theater am Fleischmarkt durch seine Hände erstmals überhaupt zu einer Schüttaktion gekommen sein. Nur einmal noch, in Aschaffenburg, hat er diese „Peinture Liquide“ wiederholt, die „Relikte“ wurden allesamt vernichtet. Weshalb es ihn richtig zu kränken scheint, wenn im neuen Lentos-Folder sein in der Galerie St. Stephan unter Ausschluss der Öffentlichkeit gemaltes, berühmtes Großformat dann fälschlich als „Schüttbild“ bezeichnet wird.

Rund um die Galerie St. Stephan hat sich Prachensky 1956 unter Schirmherrschaft von Msgr. Otto Mauer mit Wolfgang Hollegha, Josef Mikl und Arnulf Rainer zur gleichnamigen Künstlergruppe zusammengeschlossen. Und auch heute pflegt Prachensky noch Kontakt zu seinen einstigen Mitstreitern. Sie alle nämlich, erzählt er, „wollten“ damals etwas. „Ich bin 1945 in dieser öden Leere angetreten, um nach dieser Dreckzeit des nationalsozialistischen Terrors etwas zu verändern. Ich wollte kein liebes Burli sein, sondern mich aus dem Sumpf ziehen.“

Seinen internationalen Durchbruch leitete eine Secessions-Ausstellung Ende der 50er-Jahre ein, deren Katalog einem Pariser Kunstkritiker aufgefallen war. Dieser stellte Prachensky dann in der Kunstzeitschrift „Art Aujourd'hui“ Hans Hartung gegenüber. „So hatte ich in Paris ein besseres Entrée“, erinnert er sich. Später lebte er einige Zeit in L. A. und war sogar mit US-Kritiker-Ikone Allen Greenberg befreundet, der den Abstrakten Expressionismus durchsetzen half.

Diese Streitbarkeit, dieser Eifer geht Prachensky heute ab. „Die Jungen – und schließlich habe ich 17 Jahre an der Akademie unterrichtet – haben keinen feurigen Eifer mehr.“ Sagt er. Gibt aber zu, keine „moderne Ausstellung“ mehr zu besuchen. Seit 20 Jahren war er nicht mehr in der Secession. Ein Avantgarde-Tempel? „Ist sie, glaube ich, nicht mehr.“ Das Phänomen einer Speerspitze der Kunst existiere aber heute durchaus noch, meint er. „Mir kommt schon vor, dass das, was ich male, immer noch sehr weit vorne ist. Wenn ich das Gefühl hätte, nichts mehr weiterzubringen, dann ist es aus.“

Revolution? „Der Erste, der applaudiert“

Mit Installationskunst kann er jedenfalls gar nichts anfangen, sein Verständnis dafür hört bei Tinguely auf. Videokunst? „Ur fad“. Einen ähnlich radikalen Ansatz wie seinen in der Nachkriegszeit sieht er heute nicht: „Wenn man mir das vorführt, bin ich der Erste, der applaudiert. Aber es muss funktionieren – mir nur auf einem Kasterl irgendwelche Filme vorführen, ist mir zu wenig.“ Dass genau dieses „Funktionieren“ jegliche Revolution der Jungen im Ansatz ad absurdum führen würde, das glaubt er nicht. Und sein eigener Lehrer an der Akademie? Hat er gut gefunden, was der junge Prachensky damals gemacht hat? „Ich habe Gütersloh nie ein Bild von mir gezeigt. Wir haben nur über Literatur gesprochen.“ Auch eine Möglichkeit.

„Prachensky. Frühe und späte Werke“, bis 13.1., Essl Museum, Klosterneuburg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2007)

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