"Soko Bawag": Verluste nur teilweise hinterfragt

APA (Schneider)
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Die Wirtschaftsprüfer von Arthur Andersen haben rund ein Drittel der Bawag-Verluste gar nicht geprüft. 142 Mio. Euro Flöttl-Verluste wurden so übersehen.

Die Arbeit der "Sonderkommission Bawag" stand am heutigen Dienstag im Mittelpunkt des Bawag-Prozesses. Zeuge Andreas Herb von der "Soko Bawag" sagte aus, im Verlust-Audit des Wirtschaftsprüfungsunternehmens Arthur Andersen seien für die Uni-Bonds-Veranlagungen im Jahr 2000 nur 70 Prozent der Geschäftsvorgänge untersucht worden, eine Lücke von 142 Mio. Euro Verluste bei den Spekulationsgeschäften von Wolfgang Flöttl sei also vom Audit nicht belegt. Zeuge Michael Glatzmeier berichtete, die Untersuchung von 47.000 Kontenbewegungen habe die bisherigen Berichte im wesentlichen bestätigt, das Ziel der Geldflüsse habe man jedoch großteils nicht ermitteln können.

142 Mio. Euro "Lücke"

Das ehemals angesehene Wirtschaftsprüfungsunternehmen Arthur Andersen, das 2002 im Zuge des Enron-Skandals wegen Behinderung der Justiz verurteilt und in weiterer Folge zerschlagen wurde, hatte in den Jahren 1998 und 2000 Verlust-Audits über die von Investmentbanker Flöttl verursachten Verluste erstellt. Während das erste Audit derzeit von einem Sachverständigen beleuchtet wird, nahm Herb heute zum zweiten Audit Stellung.

Die Prüfer hätten "Samples" gezogen und diese "zu 100 Prozent nachvollzogen", sagte Herb. Von den behaupteten 464 Mio. Euro, die Flöttl im zu überprüfenden Zeitraum verspekuliert haben soll, wurde so aber nur der Verbleib von 322 Mio. Euro geklärt und als tatsächlich verloren erklärt. Die Frage, warum nicht umfassend geprüft worden war, musste der Bawag-Ermittler schuldig bleiben: Es stehe ihm nicht zu, sich dazu zu äußern. Vermutlich dürften im weiteren Prozessverlauf die bestellten Gerichtsgutachter den Auftrag erhalten, sich mit der "Lücke" von 142 Mio. Euro auseinanderzusetzen. Der Zeuge hielt jedenfalls fest, Arthur Andersen habe "das, was gemacht worden ist, sorgfältig gemacht".

Makler sahnten ab

Gewinner bei den für die Bawag verlustreichen Spekulationen seien die Makler bzw. deren Kunden gewesen, erläuterte Herb. Durch Anfragen bei Lehman Brothers oder Morgan Stanley könnte man ermitteln, wer auf der anderen Seite der Geschäfte gestanden sei. Flöttl wies den Verdacht, er selber habe auf der anderen Seite gegen sich spekuliert und so auf Kosten der Bawag Verluste gemacht, selber aber Gewinne erzielt, als "ungeheuerlich" zurück. Er sei gerne bereit, der Wirtschaftspolizei eine Bankenvollmacht zur Verfügung zu stellen. Bei den renommierten Makler-Firmen würden Handelsgeschäfte einer Firma mit sich selber auf jeden Fall auffallen, so Flöttl.

Die "Soko Bawag" umfasst derzeit 15 Beamte, die nicht nur laufend die Staatsanwaltschaft und das Gericht mit neuen Erkenntnissen zu inkriminierten Abläufen beliefern, sondern vor allem auch im Refco-Komplex ermitteln, der im kommenden Jahr Gegenstand einer weiteren Anklage der Staatsanwaltschaft Wien gegen den damals verantwortlichen Bawag -Vorstand werden dürfte. (Ag.)

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