Die Eagles also. Demnächst Led Zeppelin. Warum sie alle, alle zurückkommen, so lange sie können: Zum perpetuierten Pop-Replay.
Es (er) schreit ja eigentlich nach Erbarmen: Wer Robert Plant in letzter Zeit – etwa bei den „Lovely Days“ in St.Pölten – dabei zugehört hat, wie er allen hohen Tönen großräumig auswich, kann und will sich ein Live-Comeback von Led Zeppelin nicht vorstellen. Nicht weil das Treffen von Noten an sich ein Wert im Pop wäre (das ist es natürlich ganz und gar nicht), sondern weil die Ekstasen, die diese Band zelebrierte, wesentlich von der Ausbeutung des Plantschen Falsetts im Zeichen der gestauten Liebe („Squeeze me, baby!!!“) lebten.
Und vom tatsächlich brutal geschlagenen Schlagzeug des John Bonham. Der hat sich bereits 1980 zu Tode gesoffen, zum Glück aber davor einen Sohn gezeugt, der ihn nun vertreten kann: Jason Bonham, auch schon 41, wird mit Plant, Gitarrist Jimmy Page und Bassist John Paul Jones am 26.November in der Londoner „O2 Arena“ eines der ausverkauftesten Konzerte der Popgeschichte spielen. 20 Millionen wollen eine Karte, heißt es, leider gibt es nur 20.000 Plätze.
Drei Tage davor kommt eine DVD-Luxus-edition von „The Song Remains The Same“, einem mit lächerlichen Fantasieszenen (Plant als edler Wikinger, Bonham im Dorfwirtshaus etc.) garnierten Konzert-Film aus dem Jahr 1976, in den Handel. Bereits ab 9.November wird die Retrospektive „Mo-thership“ auf LP, CD, DVD veröffentlicht. Es ist nicht die erste Werkschau: 1990 erschienen schon „Remasters“, damals – als das Wort „digital“ seinen unschuldigen Reiz noch nicht verloren hatte – beworben mit der Behauptung, man höre jetzt erst, nach der Remix-Behandlung, wie Led Zeppelin wirklich klangen, klingen sollten.
Was ein Unsinn war: Der Sound dieser Band ließ und lässt sich nicht renovieren, vor allem nicht durchsichtig machen, nicht aufklären. Er gehört genau so dumpf, so schwer, so gewaltig dräuend, wie ihn seine ersten Rezipienten hörten, damals auf ihren Stereoanlagen im Jugendzimmer-Einbaukasten. Er wird, wenn Jimmy Page nicht von allen bösen Geistern (oder von seinen Effektgeräten) verlassen ist, auch beim Londoner Konzert so sein. The sound remains the same.
Es könnte das letzte Mal sein...
Wieso ist das Wiederhören so begehrt? Wieso gelingt jeder Band der Popgeschichte, von der noch Mitglieder leben, ein halbwegs erfolgreiches, oft unpeinliches Comeback? (Dass es sogar ohne Original-Mitglieder geht, zeigen Franchise-Unternehmen wie Blood, Sweat & Tears oder diverse Supremes-Variationen.) Erstens weil die Zeit vergeht – und mit ihr das Leben der Akteure der Gründerzeit des Pop (die sich mit etwas gutem Willen bis in die Achtzigerjahre ausdehnen lässt). Das beste Argument für den Besuch eines Konzerts der Rolling Stones ist seit 25 Jahren, dass es das letzte sein könnte. This could be the last time, I don't know.
Zweitens aber ist die Jugend – die tatsächliche, also das Teenage plus dessen Verlängerung in die Twens – ein, wenn nicht das Hauptthema der Popmusik auf Rock'n'Roll-Basis, wie sie in den Fünfzigerjahren erfunden wurde. Und da der durchschnittliche Amerikaner oder Europäer zirka fünfmal so viel Lebenszeit damit verbringt, sich an seine Jugend, an seine wilden golden years zu erinnern, als diese zu erleben, ist das Publikum für Revivals groß – viel größer als das für Neues. Und zahlkräftiger, mit genug Budget für „einmalige“ Nostalgiekonzerte wie für repräsentative Luxuseditionen. Dieser Marktsektor bleibt vom Billig- bis Gratis-Download unerschüttert.
So waren sie alle, alle schon längst wieder da, auch die Unumstrittenen, die ganz Großen: von den (halbierten und ertaubten) Who bis zu den (stilvoll verwitterten) Sex Pistols, von den (glaubhaft alterswütigen) Stooges bis zu Roxy Music (très elegant, comme alors). Pink Floyd geben immerhin alle paar Jahre ihre jeweils vorletzte Revival-Gala als DVD-Box mit Super-Surround-Sound im 5D-Cover mit Bonus-Erlebnispark heraus; die Rest-Doors werden noch etliche Jim-Morrison-Imitatoren verschleißen. Nur die Talking Heads muss man wohl noch ein bisschen bitten, bis David Byrne den Big Suit aus dem Kasten holt und endlich auch in die große Retro-Schleife einstimmt: Same as it ever was...
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2007)