Für Harry-Potter-Schöpferin Joanne K. Rowling ist Ms. Austen die Allergrößte.
Die freien Tage Anfang November eignen sich wie kaum eine andere Zeit dafür, wieder einmal die Romane der fantastischen Jane Austen zu lesen. In zwei Wochen kommt der Film „Geliebte Jane“ in die Kinos – ein Grund mehr, sich für intelligente herbstliche Lektüre zu entscheiden. Das Leben der Pastorentochter aus Hampshire war kurz und äußerlich bescheiden. Jane hat so wie ihre Herzensschwester Cassandra nie geheiratet, das Geld für eine gediegene Ausbildung reichte nur für die vielen Brüder. Sie blieb kinderlos und starb 1817 mit nicht einmal 42 Jahren.
In ihren sechs großen Romanen aber zeigt Jane Austen so viel Verstand in der Analyse von Liebesdingen, so viel die Seele schützenden Witz und manchmal auch Zynismus über die beschränkte Welt der Gentry, dass man diese Werke als ein reines Wunder ansehen muss. Man sollte daran erinnern, dass Klassiker wie „Sense and Sensibility“, „Pride and Prejudice“ oder „Mansfield Park“, die erst im 19.Jahrhundert zu Bestsellern wurden, während des „Regency“ geschrieben wurden, einer aufgeklärten, praktischen, revolutionären Zeit, in der die Briten die Meere beherrschten und Napoleon besiegten. Keine Spur noch bei der Austen von Viktorianismus oder triefendem Sentiment, um die Schlechtigkeit der Welt zu zeigen, braucht sie keine Kriege, kein Dickicht der Städte. Ihr genügt ein Weiler in angeblich ländlicher Idylle.
Jane Austen hat die Schwächen ihrer Gesellschaft, die Bigotterie und Herzlosigkeit aufgespießt wie keine andere, sie machte sich nichts vor. Das Kapital regiert, jeder Mann wird von den jungen Damen ganz selbstverständlich nach seinem Vermögen taxiert. Dass ihre Romane mit Hochzeiten, Doppelhochzeiten, reinem Glück enden, ist wohl der Gipfel der Ironie. Virginia Woolf schreibt über die geniale Jane: „Eine jener Feen, die an Wiegen stehn, muss sie im Fluge durch die Welt geführt haben, kaum dass sie geboren war. Als sie wieder in der Wiege lag, wusste sie nicht nur, wie die Welt aussah, sondern hatte sich ihr Königreich schon gewählt.“
Für Joanne K. Rowling, die Harry-Potter-Schöpferin, ist Ms. Austen die Allergrößte. Das gilt auch für die Auflage ihrer Bücher, Longseller seit fast 200 Jahren. In England hat sich zuletzt eine regelrechte Filmindustrie um die Romane entwickelt, bemerkt Felicitas von Lovenberg in ihrem schmucken Insel-Büchlein „Jane Austen“ (it 3299), sie werden für zeitgenössische Komödien wie „The Diary of Bridget Jones“ gnadenlos ausgeschlachtet.
Die Filme erfüllen das Bedürfnis nach ein wenig Romantik in herzloser Zeit. Wenn man aber nicht nur reines Sentiment sucht, sondern auch die Schattenseite, sollte man sich dem Original zuwenden, etwa der wunderbaren „Emma“, die Austen 1815, im Herbst ihres Lebens schrieb. Bei dieser Vivisektion eines komplexen Frauencharakters ist sie Flauberts Emma Bovary mindestens ebenbürtig.
norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2007)