Skiwinter in Österreich. Ski-Openings mit allem Drum und Dran, Openair-Konzerte mit echten Stars, Publikumsrennen mit und ohne Jux und Tollerei: Das Event-Programm am Berg wird immer dichter. Spaß hat Vorrang. Halten und Parken ist im Skizirkus bis auf weiteres verboten.
Der Lift singt. Skifoahn, foahn, foahn. Der Carver schwingt. Skifoan, foahn, foahn ... Die Ironie will es, dass der Ambros-Klassiker über die Planai hinwegfegt _ und nicht wie angekündigt über das Stubaital oder Zell am See.
Die Schladminger sind mit der Idee der Klangpiste (600 m lang, gleich unter der Bergstation) nicht allein. Die Bad Kleinkirchheimer begannen in der Vorsaison akustisch auszubauen. Man teilte den Liften je nach Himmelsrichtung Musikstile zu, was sich bei Schneesturm jedenfalls als hilfreich erweist: Ramazotti, das ist Italien, das ist Süden, das ist der richtige Anschlusslift. Mamma mia - und retour.
Mit dem Schlepper hinauf, mit den Skiern hinunter, dazwischen kurz in die Hütte. Das war der normale Skialltag - im Jahre Schnee. Vor Weihnachten ging damals auf die Piste, wer den Lift direkt vor der Nase oder eine Saisonkarte hatte. Und Skifahren im Advent war ungefähr so tabu wie Weihnachtskekse essen vor dem 24.
Was ist heute? Neben der Piste haben sich Kuschelsofas und Loungelandschaften aufgepflanzt. Es gibt Stationen, um seine Skischuhe aufzuheizen und Leihskier ohne Aufwand gegen schnellere umzutauschen. Hütten werden zielgruppengerecht beschallt, Speisekarten den Ansprüchen im Tal angeglichen. Selbst das Frieren am Lift hat bald ein Ende. Nicht, dass wir ihm nachweinen würden.
Blitze am Event-Radar
Der Skiwinter steht fast ein halbes Jahr lang voll auf dem Gaspedal. Schnee hin oder her, geben sich die Events ein "Heizerl", und das Einzige, was sie stoppt, sind klimatische Extrawürste oder sehr schlecht fallende Feiertage. Bereits Anfang November sind die meisten Gletscher-Openings abgefeiert. Dann liegt vor dem Skifahrer und Snowboarder eine Saison voller Parallel-Aktionen, deren Auswahl dadurch erschwert wird, dass viele Wintersportgebiete nicht ein, sondern gleich mehrere, unterschiedliche und mittlerweile auch ziemlich interessante Openings inszenieren. Nur ein Beispiel: Allein in der Europasportregion rund um Zell am See und Kaprun steigen ab 17. November an vier Wochenenden en suite das "White Start Opening" (Kitzsteinhorn), das "Snowboard Opening" (Kitzsteinhorn), das "Carving Opening" (Schmittenhöhe) und das "1-2-Fly-Skiopening".
Inszenierung ist das Stichwort. Veranstalter müssen heute mehr Geschütze auffahren als bloß Brettertest und Hüttengaudi. Fackeln sollen brennen, Models aufmarschieren, Laser und Plattenteller rotieren, Boarder atemberaubende Kunststückerl spielen und Artisten kabarettreife Akrobatik liefern - Letzteres in Obergurgl/Hochgurgl beim "Cirque des Montagnes". Dort kann man in der Gondel, im Hotel oder in der Skihütte spontan Publikum von artistischen Einlagen werden.
Fraglos zugkräftig erweist sich das Superstar-Konzept; Populärmusik als schnellster Draht zur Zielgruppe. In Ischgl ist man gewohnt, große Namen - Elton John, Bon Jovi - auf der Bühne zu sehen, diesmal gibt's Rihanna im Anorak. Für Schladming ist solches eine Premiere, Superstar Pink hat zugesagt, im Planai-Stadion ein Konzert zu geben. Christina Stürmer eröffnet Obertauern. Und überhaupt: Auf nahezu jedem zweiten Skiberg treten mehr oder weniger bekannte Bands, regionale DJ-Berühmtheiten und Conferenciers an, um uns auf die Piste zu bringen. Sind wir denn zu faul zum Skifahren, dass man uns schon locken muss?
Gesetz der Serie
Keineswegs, wenn man bedenkt, dass konditionsintensive Publikumswettbewerbe extremen Zulauf haben: Beim "Weißen Ring", einem Long-Distance-Rennen in Lech-Zürs im Jänner, traten im Vorjahr an die 700 Teilnehmer an - ehrgeizig genug, um sich mit Ex-Skirennläufern zu messen.
Auf der anderen Seite des Arlbergs, in St. Anton, eröffnet man den Winter mit einem sportlichen Schachzug: Am 1. Dezember darf der motivierte Laie zu einem XXL-Riesentorlauf antreten. Drei Kilometer in sieben Minuten, das ist die Messlatte. Alle gleichzeitig ist die Devise bei einem Rennen wie dem "Chinese Downhill" in Uttendorf-Weißsee-Gletscher. Und eine Herausforderung im Tiefschnee etwa das "Dachstein Xtreme" Ende März oder das "Mountain Attack" in Saalbach im Jänner.
Hoch im Kurs sind Nostalgierennen schon seit Längerem - Kniebundhosen, Holzski, Fangriemen und Lederschuhe, das passt in den Advent, am 22. Dezember live am Feuerkogel. Man kokettiert mit anderen Wintersportarten: Beim "Winter hoch 3" am Hochficht im Mühlviertel ist auch Langlaufen und Skispringen angesagt. Und wo die Zielgruppe besonders jung und experimentierfreudig ist, steigt die Party automatisch: etwa bei der "University of Snow" am Nassfeld oder bei einer spektakulären Freestyle-Show in Lech-Zürs ("Jump").
Weg-Zeit-Diagramm
Gesetzt den Fall, man braucht als Skifahrer ein Alibi: ein Leichtes in Skigebieten, die "Skiline" anbieten. Diese Skitaganalyse auf www. skiline.cc spuckt auf Basis der Skikarte privat-statistisches Material aus: die benutzten Lifte samt absolvierten Höhenmetern und Zeitpunkt. Das lässt Schlüsse zu. Nehmen wir zum Beispiel den Rekordhalter vom Salzstiegl, Gustl: 15.210 Höhenmeter zwischen 9.09 und 16.16 Uhr, eine Pause von 13 bis 14 Uhr. Da war Gustl wohl im Gasthaus. Fantasielos, aber fleißig - er benützt immer den gleichen Lift.
Würde man den Preis der Liftkarte abzüglich des Beitrags für Schneekanone und Sesselliftheizung noch mit in die Skitaganalyse einrechnen, könnte man vielleicht den subjektiven Deckungsbeitrag ermitteln. Was angebracht erscheint, bei den Liftkartenpreisen, die uns heuer erwarten ...