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Mobile EU-Neulinge: Vom Armenhaus ins Treibhaus

MIGRATION. Zuwanderung entzweit „alte“ und „neue“ Mitgliedsländer.

Den Haag. Die derzeitigen sozialen und politischen Spannungen rund um Rumänen in Italien illustrieren ein Phänomen, das die Gesellschaften in einigen EU-Staaten zunehmend belastet: die starke Zuwanderung aus neuen Mitgliedsländern macht gerade in EU-Staaten Probleme, die bisher als „gastfreundlich“ galten: Italien, den Niederlanden und Großbritannien. Während sich die Wirtschaft über die – oft schwarzen – billigen Arbeitskräfte freut, bekommt der soziale Zusammenhalt immer mehr Risse.

In Holland kamen erst die Polen, seit ihrem EU-Beitritt Anfang 2007 die Bulgaren und Rumänen. „Mehr als 70.000 Polen, Rumänen und Bulgaren haben sich inzwischen in den Niederlanden niedergelassen und registrieren lassen“, stellt Jan Latten, Chef-Demograf des Statistischen Zentralamtes CBS fest.

Die neue Einwanderungswelle aus Osteuropa wird bereits mit dem Strom der „Gastarbeiter“ verglichen, die in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts in die Niederlande kamen. Heute ist die Situation ähnlich: Die Wirtschaft boomt. Arbeitskräfte werden gesucht. Die meisten Emigranten aus Polen, Bulgarien und Rumänien finden sofort Jobs. Und die werden in den Niederlanden nach wie vor besser bezahlt als in der Heimat der neuen EU-Bürger.

Allerdings findet zwischen Polen, Bulgaren und Rumänen inzwischen ein Verdrängungswettbewerb auf dem Arbeitsmarkt statt. „Polen arbeiten nicht mehr für fünf oder sechs Euro die Stunde. Das können sie zuhause inzwischen auch verdienen“, weiß man beim Gewerkschaftsverband FNV.


„Trinken weniger als die Polen“

„Rumänen und Bulgaren sind inzwischen beliebter als Polen. Sie sind disziplinierter und trinken weniger“, behauptet FNV-Funktionär Wim Baltussen. Er beklagt sich auch, dass Tarifverträge mit Dumping-Löhnen unterschritten würden. Manche Bulgaren und Rumänen arbeiten für einen Stundenlohn von drei Euro, vor allem in der Land- und Bauwirtschaft. Auch die holländische Treibhausindustrie braucht viele Arbeiter.

Hauptsächlich sind es Männer im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, die in den Niederlanden Arbeit suchen. Und viele von ihnen wollen bleiben. Das zeigt das polnische Beispiel. In Den Haag beispielsweise gibt es bereits ein „Little Warschau“ mit polnischen Lebensmittelläden, Kneipen, polnischen Medien, einem Kino und einem polnischen Priester.


Zuwanderung in Etappen

Doch auch Frauen zieht es ins Ausland. Kamilla Waszkiewicz ist ein typischer Fall. Die heute 27-Jährige kam schon vor sieben Jahren als Au-pair in die Niederlande. Ein Jahr später kam ihr Freund Pawel Mazur (28) nach. Ihre gemeinsame Tochter Carmen wurde in den Niederlanden geboren. Sie wird in Holland aufwachsen. „Ich hatte nur vor, ein Jahr in den Niederlanden zu bleiben, um mir das Geld für mein Studium zu verdienen“, erzählt Kamilla. „Aber nach einem Jahr reichte das Geld noch nicht. Inzwischen gefällt es uns in den Niederlanden so gut, dass wir bleiben wollen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2007)