Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Ukraine: Brutaler Machtkampf um Raffinerie

AP
  • Drucken

Die größte Ölraffinerie der Ukraine wurde von 50 Bewaffneten eingenommen.

WIEN (mk/ag). So wie Sergej Gluschko werden heutzutage nicht viele Manager in Europa von ihrem Posten enthoben: 50 Bewaffnete drangen am 19. Oktober in die größte Ölraffinerie der Ukraine, UkrTatNafta, ein und verlangten, dass der ehemalige Vorstandschef des Unternehmens, Pawel Owtscharenko, wieder sein Amt übernehmen darf. Sie beriefen sich auch auf ein Gerichtsurteil.

Gluschko will nun mit Hilfe der Justiz sein Recht erkämpfen: Er reichte eine Klage gegen seine Amtsenthebung ein. Der Prozess wird laut Medienberichten am 20. November beginnen.

Hinter der Besetzung soll die Pryvat-Gruppe des ukrainischen Oligarchen Ihor Kolomoisky stehen. Dieser hat vor den Parlamentswahlen das „orange Lager“ und speziell das Parteienbündnis „Unsere Ukraine“ – die dem Staatspräsidenten Viktor Juschtschenko nahe stehende politische Gruppierung – unterstützt. Die zu seinem Konglomerat gehörende Pryvat Bank (Privat Bank) ist mit 1600 Filialen das größte Geldinstitut des Landes. Kolomoisky soll auch Anteile an der Raffinerie halten.


Raffinerie in Staatsbesitz

UkrTatNafta war 1994 nach einer Vereinbarung der Präsidenten der russischen Teilrepublik Tatarstan und der Ukraine gegründet worden. Mehr als 60 Prozent der Aktien sind im Besitz der ukrainischen Regierung. Tatarstans Regierung und die tatarische Ölfirma Tatneft sind ebenfalls beteiligt.

Die Regierung von Tatarstan und Vertreter von Tatneft bezeichneten den Vorfall als rechtswidrig. Die Ursache sehen sie im Konflikt mit den ukrainischen Aktionären der Firma. Laut Gluschko kann das Tauziehen um UkrTatNafta das Verhältnis zwischen der Ukraine und Russland belasten.

Wegen des Konflikts sei bereits die Ölverarbeitung in der Raffinerie um zwei Drittel gesunken, sagt der ehemalige Chef. Agenturmeldungen zufolge verliert UkrTatNafta täglich vier bis fünf Mio. Dollar aufgrund der geringeren Verarbeitungsmenge. Normalerweise werden in der Raffinerie 265.000 Barrel (à 159 Liter) Rohöl am Tag verarbeitet.


Moskau schaltete sich ein

Der Erste Vizepremier Russlands, Sergej Ivanov, kündigte an, den „Heuschrecken-Überfall“ auf die Ölraffinerie im ukrainischen Krementschug nicht unbeachtet zu lassen. „Der Schutz der Interessen der russischen Wirtschaft ist und bleibt eine der nationalen Prioritäten der russischen Regierungspolitik“, betonte er vor kurzem im Fernsehen. Er sprach von einem Chaos und dass mit der Aktion Grenzen überschritten worden seien. Zudem forderte er die ukrainische Regierung zum Handeln auf. Der ukrainische Energieminister Yuriy Boyko versteht indes nach eigenen Angaben nicht, was da genau vor sich gehe.

Tatneft, das einzige russische Ölunternehmen, über das UkrTatNafta Öl bezieht, hat die Lieferungen eingestellt. Auch andere russische Öllieferanten wurden aufgefordert, UkrTatNafta kein Rohöl zur Verfügung zu stellen. „Wenn es einen Taifun oder ein Erdbeben gibt, hilft die ganze Welt zusammen“, sagt Nail Maganov, Chef von Tatneft. „Wir müssen uns gegen diese Raider vereinen oder sie werden uns einmal aus unseren Häusern werfen.“ Die Kaperung von Firmen war auch in Russland in den 90er Jahren üblich, vor allem bei halb-privatisierten Aktiengesellschaften, bei denen die Kontrolle an Firmeninsider, etwa an das Management, ging. Mit Hilfe der „Raider“ wurden im besten Fall schlecht geführte Unternehmen in gute Hände übergeführt. Aber oft wurden auch rentable Firmen zum Ziel der feindlichen Übernehmer, die mit behördlicher Rückendeckung agierten.


Energie kommt aus Russland

Die Ukraine bezieht einen Großteil ihrer Energie aus Russland. Schon seit Jahren wird versucht, den staatlichen Anteil an UkrTatNafta zu erhöhen und den der Russen zu verringern. Auskunft aus der Raffinerie zu erhalten, gelingt derzeit nicht. „Alle sind gegangen. Ich bin nur eine Putzfrau, da ist ist niemand, mit dem Sie reden können“, antwortet eine Frau, die das Telefon von UkrTatNafta abhebt – und bevor sie auflegt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2007)