"Hard Rock Walzer": Objekte der Liebe

Ausstellung. Die Villa Manin, Udine, will mit „Hard Rock Walzer“ Österreichs Bildhauerszene vorstellen. Auch in Salzburg, St.Pölten frönt man Dreidimensionalem.

Das schwer schüchterne Attribut „Villa“ für dieses palastähnliche Renaissance-Anwesen samt Gartenanlage ist wohl dem palladio-verwöhnten oberitalienischen Gemüt zu verdanken. Nachdem man von Udine aus rund 20 Minuten durch die friulanische Pampa gefahren ist, das Dörfchen Codroipo durchkreuzt und ein unscheinbares Tor passiert hat, weitet sich plötzlich der Blick auf eine „Villa Manin“, wie man sie sich hier pompöser nicht hätte vorstellen können. Die prächtige Anlage erzählt vom Ende der Macht Venedigs, war die Residenz des letzten Dogen, Ludoviko Manin – und nicht umsonst wollte Napoleon partout hier den Vertrag von Campoformido unterzeichnen, der u.a. besagte, dass die bis dato unabhängige Republik Venedig an Österreich ging.

Jetzt ist Österreich wieder zurückgekehrt, diesmal allerdings auf Einladung des Landes selbst und mit – wenn, dann künstlerisch höchst sublimierten – politischen Ambitionen. Die seit 2004 als Zentrum für zeitgenössische Kunst betriebene Villa – ihr künstlerischer Leiter ist mit Francesco Bonami immerhin ehemaliger Biennale-Venedig-Direktor (2003) – zeigt seit Samstag die Ausstellung „Hard Rock Walzer“. Mit Arbeiten von 14 Künstlern will Kuratorin Sarah Cosulich Canarutto, unterstützt vom österreichischen Kulturforum in Mailand, die aktuelle österreichische Bildhauerszene vorstellen. Was ihr, bis auf den Titel, allerdings nur eingeschränkt gelungen ist.

Eigenwillig? Beliebig!

Die eigenwillige Auswahl, die junge Positionen wie Leopold Kessler oder Fabian Seitz und arrivierte wie Heimo Zobernig oder Werner Feiersinger mischt, verspricht zwar erst einmal viel, entpuppt sich dann aber als reine Beliebigkeit. Noch dazu trifft man etwas zu viele alte Bekannte, etwa Werner Reiterers böse Hardcore-Variante seiner „Anfänge der Raumfahrt“, bei denen er selbst als Puppe wie ein heliumgefüllter Ballon an der Decke schwebt. Oder Hans Schabus' Astronautenneonschriftzug von der Secessions-Fassade. Und Gelitins gestrickter rosa Riesenhase modert auch schon seit zwei Jahren auf einem Berggipfel im Piemont vor sich hin. Thomas Baumanns sich per Motor zusammenziehendes und wieder ausbreitendes Silberquadrat stammt aus 1999, Zobernigs verspiegelte Paravents sogar aus 1998. Dafür lässt Markus Schinwald seine bisher unbekannte Monster-„Familie“ an Schnüren baumeln und Erwin Wurm neue, gewohnt komische „Mind bubbles“ los, mit denen er seine alten Pullover-Objekte zu zitieren scheint.

Im Großen und Ganzen aber wirkt die Ausstellung eher statisch und formal als wild und rhythmisch, scheint sich eine Erstarrung von ehemals verlässlich engagierten Künstlern wie der Gruppe Gelitin oder Elke Krystufek bemerkbar zu machen. Was einem vielleicht gar nicht so aufgefallen wäre, hätte bei der Eröffnung nicht ein noch weniger bekannter Künstler seine Show abgezogen: In der Rolle des Künstlers als Clown watschelte Christian Eisenberger, einen Dynamitgürtel umgeschnallt, den fetten Bauch vor sich her schiebend, durch das schicke Eröffnungsbuffet und verkroch sich immer wieder zum autistischen Zeichnen, Kleben, Malen hinter seine „Kirche“ – ein igeliges Iglu aus rohen Brettern, das er einst auf der Empore der Grazer Kirche St. Andrä aufgeschlagen hatte. Im Inneren liefen drei Eisenberger-Videos, still beglotzt von einer schrägen Ahnengalerie und unheimlichen, mit Klebeband mumifizierten, pelzigen Objekte. Das hat dann doch gar nicht einmal so wenig gerockt.

Nur Männer sind echte Objektkünstler!

Dass unter 14 Künstlern mit den Hohenbüchler-Schwestern und Elke Krystufek nur zwei weibliche Positionen zu finden sind, ist qualitativ aber schon lange nicht mehr begründ- geschweige denn zumutbar. Trotzdem macht sich gerade am Gebiet der Objektkunst bzw. Skulptur bei Kuratoren und anscheinend auch Kuratorinnen immer noch ein deutlicher Hang Richtung Mann bemerkbar. Ähnlich feststellbar auch in der aktuellen Sammlungsschau „Objekthaftes“ im Salzburger Museum der Moderne. Dagegen wirkt „Die Liebe zu den Objekten“, in der ab 17.November das NÖ Landesmuseum in St.Pölten entbrennen soll, in ihrem eigentlich vorauszusetzenden Gender-Gleichmut fast schon politisch korrekt.

TREND, AUSSTELLUNGEN

Spätestens seit 2006 wird am Kunstmarkt der Trend zur Skulptur ausgerufen.
„Hard Rock Walzer“,
Villa Manin bei Udine, Codroipo, bis 25.3.08.
„Die Liebe zu den Objekten“,
Landesmuseum NÖ, 17.11.07–26.10.08. „Objekthaftes“, Museum der Moderne, Salzburg, bis 17.2.08.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2007)

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