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Historiker: Zweifel an Wunden und Wundern von Padre Pio

Padre Pio
(c) EPA (Maurizio Brambatti)
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Der italienische Historiker Sergio Luzzatto kratzt am Image des populären Heiligen Padre Pio: Er habe sich die Stigmata, die Wundmale Christi, selbst zugefügt und mit Chemikalien eine Heilung verhindert.

Bei einem Aufenthalt in Italien kommt man nicht an Padre Pio vorbei: Padre-Pio-Aufkleber auf Autos und Geschäftstüren, Padre-Pio-Statuetten auf Plätzen und in Kirchen, Padre-Pio-Rosenkränze an Kiosks und in Souvenirläden. Er gilt als der populärste Heilige seit Jesus, immerhin konnte er laut Legende Hostien vermehren, Wolkenbrüche stoppen, eine Raupenplage beenden und an mehreren Orten zugleich sein.

Als Zeichen seiner Heiligkeit trug er zu Lebzeiten die Wundmale Christi, die so genannten Stigmata, an Händen, Füßen und an der Flanke. Augenzeugen beschworen, sie hätten durch die Löcher in den Händen Zeitung lesen können. Andere erinnern sich an den Duft, der von den Wunden ausging, und verglichen ihn mit Rosenwasser oder Parfum.

Geheime Bestellung von Chemikalien

Genau an diesen Wundmalen hegt der 44-jährige Turiner Geschichtsdozent Sergio Luzzatto Zweifel, berichtet Spiegel Online. In seinem Buch "Padre Pio. Wunder und Politik im Italien des 20. Jahrhunderts" zitiert er aus einem Bericht des Vatikan, in dem ein streng katholischer Provinzapotheker aus Foggia von merkwürdigen Einkäufen von Padre Pio erzählt.

Der Mönch habe in Foggia unter strenger Geheimhaltung große Mengen des Nerven- und Insektengifts Veratrin und Karbolsäure kaufen wollen. Mit Karbolsäure kann man sich dauerhafte Wunden zufügen, Veratrin dient auch zur Schmerzlinderung. Luzzatto schließt daraus, dass Padre Pio bei den Stigmata nachgeholfen habe, und unterstellt ihm Betrug.

Päpstliche Zweifel an Padre Pio

Luzzatto ist freilich nicht der erste, der Zweifel an den Wunden und Wundern von Padre Pio anmeldet: Schon Papst Johannes XXIII. soll - so Luzzatto in seinem Buch - gesagt haben: "Seine (Padre Pios, Anm.) falschen Beziehungen zu den Gläubigen richten ein Unheil in den Seelen an." Der Münsch aus der süditalienischen Provinz Apulien sei ihm zu fanatisch, zu mystisch, zu mittelalterlich.

Auch Padre Pios Beziehungen zu den verzückten Gräfinnen und Bäuerinnen, die ihm zu Füßen lagen, stießen Papst Johannes XXIII. sauer auf. Ihm sei zu Ohren gekommen, dass der Mönch "intime und unanständige Beziehungen mit den Frauen, die seine Prätorianergarde bilden", gehabt haben soll, was "an eine sehr ausgedehnte Verwüstung von Seelen denken lässt, diabolisch vorbereitet, zum Schaden der heiligen Kirche in der Welt und besonders in Italien", so Johannes XXIII.

Die Bedenken von Papst Johannes XXIII. konnten die Heiligsprechung von Padre Pio im Jahr 2002 durch Papst Johannes Paul II. nicht verhindern - zu stark die Anhängerschaft des Mönches. Und auch der Historiker Luzzatto bekommt Gegenwind: Die "Kahtolische Liga gegen Diffamierung" protestierte schärftens gegen die "tendenziöse und diskriminatorische Pseudowissenschaft".

(BL)