Ludwig Wüst inszeniert im Hotel Orient die „Traumnovelle“ – Schnitzler wird recht grob analysiert.
Das „Orient“ ist ein über die Grenzen von Wien hinaus für seine teure Gastfreundschaft bekanntes Haus. Dort kann man gegen Cash stundenweise seine sexuellen Vorlieben pflegen. Am Montag aber wurde die „Kaisersuite“ im Parterre für eine besondere Spielart des Verkehrs benutzt: Regisseur Ludwig Wüst verwandelt Arthur Schnitzlers vom Triebstau durchsetzte „Traumnovelle“ in ein eineinhalbstündiges Kammerspiel, dem 15 maskierte Gäste – sie müssen mehr als 18 Jahre alt sein – beiwohnen dürfen.
Nach dem Eintritt kredenzt Lucy McEvil höflich Champagner, später wird er/sie als Nachtigall den beiden Protagonisten assistieren. Ihre Bühne ist das Bett, dahinter an der Wand ein Spiegel, rechterhand ein Fernseher samt Videokamera – ein durch und durch bürgerliches Schlafzimmer also. Nur die samtigen Tapeten enthüllen das Streben nach Noblesse, das aber zerstört wird, wenn die Herrschaften zur Toilette müssen. Das Bad befindet sich auf dem Gang.
Von dort her kommt der Arzt Fridolin (Nenad Smigoc), der sich mit seiner Gattin Albertine (Klara Steinhauser) zur Belebung des Ehelebens ein Zimmer genommen hat. Sie blättert inzwischen, im Bett liegend, in einem Sexmagazin, doch da läutet schon das Telefon, er muss zu einem Todkranken. Sie bekommt einen hysterischen Anfall.
So weit ist die Ausgangslage wie bei Schnitzler, Albertine beginnt zu fantasieren, von einem Abenteuer mit einem Dänen, ihre Tagträume werden aber mit einer Drastik dargestellt, gegen die das Original zu einer romantischen Liebelei verblasst. Der Akt der sexuellen Befreiung ist für beide erst einmal einer der Onanie, ehe Lucy die Chose erhitzt, Orgien verspricht, aber nur ein Zipfelchen Transsexualität und entsprechende Rollenspiele in den Arztehepaarsalltag bringt. Die Fantasien beschränken sich auf Prostituiertenroutine, (Albertine mit schriller Perücke und Brille hat nun einen slawischen Akzent), sie landen bei einer derben Pornofilm-Initiation, die über Video zu sehen ist, und enden im Blutrausch.
Traumatisierte Kindheit
Das Paar hat traumatische Fleischhauer-Erlebnisse aus der Kindheit zu verwursten, Blut ekelt und fasziniert sie. Diese Passagen sind durchaus gelungen, das Zeitalter von Schnitzler und Freud wird sozusagen aus modernem Blickwinkel analysiert. Insgesamt aber ist das Spiel doch ein wenig zu grob, es erinnert zuweilen an die penetranten Bekenner-Talkshows im Privat-TV. Wer also ist das Opfer? Gerät einem der Akteure das Spiel außer Kontrolle? Man darf sich überraschen lassen.
11., 18., 25.11., 2., 9.12., 20., 27.1., 24.2., 2.3., 20 Uhr, 89 €. Tel: 0699/106-60-859.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2007)