Österreichs Muslime: Kampf um Einfluss tobt

Die Presse (Fabry)
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Verfassung und Neuwahlen verzögern sich, Ära Schakfeh könnte doch länger dauern.

Der radikale Umbruch in der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ) scheint auf sich warten zu lassen. Zwar verkündete Präsident Anas Schakfeh kürzlich, dass er sich im Sommer 2008 ins Privatleben zurückziehen werde, doch ist es mehr als fraglich, ob bis zum Ende seiner Legislaturperiode am 30. Juni 2008 schon ein Nachfolger und eine neue Führungsriege gewählt werden kann.

Denn noch immer konnte man sich in der IGGiÖ nicht auf eine neue Verfassung und damit einen neuen Wahlmodus einigen. Mit diesem Schritt sollte die seit 1988 gültige Verfassung an die neuen Gegebenheiten – etwa Größenverhältnisse innerhalb der muslimischen Gemeinde – angepasst werden. Vor mehr als einem Jahr war sie angekündigt worden, dem Kultusamt im Bildungsministerium liegt sie noch immer nicht vor. Erst wenn sie dort abgesegnet ist, kann mit der Konstituierung neuer Strukturen und der Organisation von Wahlen begonnen werden.

Fuat Sanac, Vorsitzender des Schura-Rats, des gesetzgebenden Organs der IGGiÖ, geht jedenfalls schon davon aus, dass diese Vorgänge bis in den nächsten Sommer noch nicht abgeschlossen sein werden – und somit die derzeitige Führung ihre Geschäfte weiterführen wird: „Schakfeh wird länger Präsident bleiben.“

Türken streben nach Macht

Für die Post-Schakfeh-Ära toben allerdings bereits die Nachfolgekämpfe. Die Türkischstämmigen – mit 250.000 die größte Gruppe unter den 400.000 Muslimen in Österreich – streben nach mehr Einfluss. Die türkische Community ist in mehrere Gruppen unterteilt – etwa die ATIB, die ein Naheverhältnis zur türkischen Regierung hat oder die Islamische Föderation, die zur Milli Görüs-Bewegung gehört, die in Deutschland als verfassungsfeindlich eingestuft wird. Doch inoffiziell ist von einer Koalition der konkurrierenden Organisationen die Rede. Insider fürchten nun, dass durch eine Stärkung offen politisch agierender Gruppen Konflikte nach Österreich importiert werden könnten.

Auch in anderen ethnischen und religiösen Gruppierungen laufen derzeit Überlegungen, wie man sich bei Wahlen verhalten wird. Unter anderem von Schiiten und Aleviten war ja in jüngster Zeit heftig kritisiert worden, dass sie nicht ausreichend repräsentiert seien. Und tatsächlich ist die Führungsschicht der IGGiÖ großteils aus arabischen Sunniten zusammengesetzt, die in Österreich nur einen kleinen Anteil stellen.

In der Glaubensgemeinschaft will man von solchen Konflikten aber nichts wissen. „Ich bin grundsätzlich gegen eine ethnische Verteilung“, sagt Fuat Sanac, „das hilft der Integration nicht.“ Die Umma, die Gemeinschaft der Muslime, werde durch Nationalitäten nur gespalten. Und auch auf Spekulationen, wer den nächsten Präsidenten stellen könnte, will er sich nicht einlassen. Nach der Wahl werde man den am besten geeigneten Kandidaten finden.

Die weitaus größte Gruppe unter den Muslimen nimmt indes wenig Anteil an den Kämpfen um Einfluss: Liberale Muslime, die keiner politischen oder religiösen Organisation angehören.

Religionspädagoge Mouhanad Khorchide von der Universität Wien fordert, dass genau sie stärker ihre Stimme erheben sollen. Denn nur mit ihnen sei es möglich, einen Diskurs der islamischen Aufklärung zu führen – befreit von allen ethnischen, politischen oder ideologischen Strömungen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2007)

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