All you can eat (und mehr)

Der Siegeszug der chinesischen Mittagsbuffets erschüttert eine Zone der Ruhe.

Es kann eine Kunst sein, seinen Teller zu füllen. Am Salatbuffet, so richtig voll, nach allen Rezepten der Statik getürmt, Paradeiser und Erdäpfel als Stützen am Tellerrand, Brokkoli und Karfiol als Pfeiler, die Sauce strategisch dazwischengetropft, mit Grünem und Kraut bedeckt, ganz oben drauf schließlich, so vorhanden, Shrimps, Speck und ähnliche Petitessen. Es hält!

Mit Vergnügen erinnere ich mich an einen Besuch im schwedischen Möbelhaus respektive dessen Restaurant, wo ein mir nicht unverwandter Gourmand seinen Teller beladen hatte, dass es eine Freude war. Mit kaum verhohlenem Stolz präsentierte er sein Bauwerk der Kassiererin, die es ohne rechte Bewunderung ansah. „Sie hätten Ihnen ruhig ein' zweiten Teller nehmen können“, sagte sie und ihre Stimme klang fast mitleidig: „Bei uns geht's nach G'wicht!“

Nicht nach Gewicht geht es bei den chinesischen „All-you-can-eat“-Buffets, die sich derzeit über Österreich, ganz Europa, ich vermute: über die ganze Erde verbreiten. Bald wird es nur in den innersten Innen- und äußersten Außenbezirken dieses globalisierten Globus noch Chinarestaurants geben, wo man mittags schlicht aus der Liste von M1 bis M15 wählt, sich in höflicher Zwiesprache mit der Oberin zwischen pikanter Suppe und Frühlingsrolle entscheidet, diese bedächtig verzehrt, sodann, leise bezwitschert von Zonghu und Xiao, zarte Landschaften aus Bambus betrachtet, bis die heiße Eisenplatte kommt, auf die zuerst die Teller gestellt werden, dann die Speisen, die selbstverständlich nicht der würzigen Glutaminsäure entbehren!

Das Glutamat, von geschmäcklerischen Greenpeace-Gourmets unlängst wieder erfolglos denunziert, ist geblieben, zum Glück, aber die heißen Platten sind dahin und auch die vornehme Ruhe ist es. Stattdessen stürmen und drängen die Gäste ans Buffet und schaufeln aus blechernen Boxen, wie man sie von (para-)militärischen Ausspeisungen lieber nicht kennt, die meist kaum lauwarmen Speisen wild durcheinander auf die Teller, wo Süßsaures, Chop Suey und Szechuan ineinander verrinnen, als ob sie der Koch nie getrennt hätte.


So wie die organisierte Bereicherung der „Prinzchen“ (zu Privateigentümern riesiger Firmen gemachte Kinder von KP-Funktionären) im China der Neunzigerjahre eine Pervertierung der Prinzips „Jedem nach seinen Bedürfnissen“ war, so ist „All You Can Eat“, diese Form der organisierten Schaufel- und Schlinggier, eine Pervertierung des Ideals einer großzügigen Bewirtung.

Lange nicht so schlimm natürlich. (Das Buffet schadet nur der Kultur und dem Esser selbst.) Außerdem, werden Sie sagen, man muss sich ja nicht fünfmal den Teller füllen. Man muss ja nicht so viel essen, wie man kann, man kann auch nur so viel essen, wie man will. Womit wir beim Problem des freien Willens wären, das sich im Fall von „All You Can Eat“ womöglich darauf reduzieren lässt, ob und wie schnell der Stoffwechsel des Sättigungshormons Leptin, des appetitanregenden Hormons Ghrelin und einiger anderer leiblicher Agenten funktioniert, auf Chemie also, und das wollen wir doch nicht, oder?

Bleiben wir lieber beim Mittagsmenü. Ich nehme M6, nehmen Sie M9, das mag ich auch ganz gern, wenn Sie wollen, können wir teilen.


thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2007)

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