Die Wiener Musikgalerie feiert ihr 25-jähriges Bestehen – und debattierte über „Eventkultur“. Die sie selbst war, im besten Sinn.
Hier die „hohe Kultur“, elitär by nature, stets im Widerstand gegen die Unzumutbarkeiten der Musikindustrie. Dort die schnöde Popkultur, nicht auf wahre Werte aus, sondern auf Warenwerte, Unterhaltung halt, „synthetische Bands“, die nur dem schnellen Geld verpflichtet sind...
In diesem Sinn (und ganz ohne Selbstironie) äußerte sich Sven Hartberger, immerhin Leiter des Wiener Klangforums, kürzlich bei einer Podiumsdiskussion zum 25-jährigen Bestehen der Wiener Musikgalerie. Einer Institution, der man eines gewiss nicht vorwerfen kann: dass sie unreflektiert die Einteilung in E- und U-Musik bejaht, in Kulturindustrie und authentische Kultur, wie sie Theodor Adorno einst getroffen hat.
Das konnte sie auch nicht, war doch ihr Feld der Jazz, dem doch ein gewisser, geradezu peinlicher Erdenrest eignet, immerhin stammt er aus Etablissements, die keine Subventionen erhielten, sondern Lustbarkeitssteuern entrichten mussten. Was absolut nicht heißt, dass er einfältig, auf primitive Weise „gefühlig“ sein muss: Das klarzustellen war wohl über all die Jahre ein wesentliches Anliegen der Musikgalerie, also von Ingrid Karl und Franz Koglmann. Die zugleich die Jazzgeschichte revidierten, gegen das kanonische Schema von „Jazzpapst“ Berendt (von New Orleans über Swing und Bebop bis Free, immer befreiter, dann postmodern) die coole Tradition des „Third Stream“ anführten und praktizierten.
Ende der Achtzigerjahre war diese – trotz Koketterie mit der Romantik – betont moderne Haltung, unterstrichen durch kräftige Koglmann-Sager à la „Das Jazz-Solo ist tot“, ein Ärgernis für große Teile der Jazzszene. Und genau deshalb hip.
Secession aus den Jazzkellern
Mit Koglmann – und sympathisierenden Musikern, z.B. dem Ensemble TonArt – machte der (Wiener) Jazz eine ähnliche Phase durch wie die (internationale) Popmusik ein Jahrzehnt davor im New Wave: eine ästhetische Umwertung, bei der scheinbar essenzielle Werte wie „Direktheit“ des Ausdrucks, „Ehrlichkeit“ und „Urtümlichkeit“ durch ein Bekenntnis zur bewussten Künstlichkeit ersetzt wurden. Zur Ernsthaftigkeit, vor allem in der Ironie. Gegen das Bierzelt.
Damit waren die ebenso bewusst nicht in gemütlichen Jazzkellern, sondern in hellen Galerien veranstalteten Konzerte der Musikgalerie 1)schwer im Zeitgeist und 2)Ereignisse. Man kann ruhig sagen: Events.
Heute, wo diese Ästhetik neben (allen) anderen Jazz-Ästhetiken lebt (und längst auch bei diversen „E-Musik“-Auftragsgebern willkommen ist), sind sie das vielleicht nicht mehr. Dennoch war man froh, als die Mehrheit der Teilnehmer der eingangs erwähnten Diskussion sich nicht dazu hinreißen ließ, in den elitären Jammer über ach so oberflächliche „Eventkultur“ und „Vermarktung“ einzustimmen. „Ware zu sein schändet nicht“, hielt etwa Konrad Paul Liessmann knapp fest und nannte den Verlust der Avantgarde, die einen Anspruch auf historische Wahrheit, auf Richtigkeit ihrer Richtung stellen kann, einen „zivilisatorischen Gewinn“.
Das passt gut ins Konzept der Musikgalerie, die sich ja von den sinnentleerten Riten der gewesenen Avantgarde des Jazz distanziert hat. Ihnen die – im Grunde aufklärerische – Idee entgegengesetzt hat, dass 1)auch Emotionen strukturiert sind. Dass man die Strukturen 2) sogar verstehen kann. Und dass das 3)klug und dabei schön klingen kann. Zeitlos? Zeitlos. Man wird das wohl auch bei den drei Abenden mit dem Untertitel „structured emotions“ hören.
FESTIVAL: „Atypical Jazz“
Im Radiokulturhaus läuft von 9. bis 11.November das Festival der Musikgalerie, u.a. mit dem Steve Kuhn Trio, Richie Beirach und dem Franz Koglmann Pipetett (Gast: Julian Schutting).
Zum Jubiläum ist auch ein geistreiches Buch namens „Atypical Jazz“ erschienen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2007)