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Die Post: Ein Amt, das an der Börse notiert

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Wettbewerb. Der private Zusteller Hermes schnappt der halbstaatlichen Post die Kunden weg. Kein Wunder.

Ruft der Betriebsrat seinen Arbeitgeber dazu auf, in Personalfragen endlich hart durchzugreifen, klingt das meist spektakulärer als es letzten Endes ist. Schließlich gilt das von Belegschaftsvertretern geforderte Köpferollen nie den „kleinen Angestellten“, sondern stets den „Großkopferten“ im Vorstand. So auch am vergangenen Mittwoch, als Post-Betriebsrat Gerhard Fritz der Kragen platzte: Der Staat müsse als Post-Mehrheitsaktionär entschlossen handeln und das unfähige Management vor die Türe setzen.

Der Ärger des Herrn Fritz kommt nicht von ungefähr. Allein an besagtem Mittwoch sauste der Aktienkurs der Post 14 Prozent talwärts – womit an einem Tag 280 Mio. Euro an Unternehmenswert vernichtet wurden. Auch nicht schlecht.

Das hat nun weniger mit verrückt spielenden Finanzmärkten zu tun als mit dem genauen Gegenteil davon: Auslöser des Kurssturzes waren höchst unerfreuliche Neuigkeiten aus der Post. Der Quelle-Versand hat wissen lassen, sich per Ende des Jahres von der Post zu verabschieden. Quelle lässt seine sieben Millionen Pakete in Österreich künftig vom privaten Zusteller Hermes anliefern. Worauf die Post-Aktionäre verkauften, was das Zeug hielt.

Mit Quelle hat sich nämlich nicht nur der wichtigste Post-Kunde vertschüsst, auch rund 25 Mio. Euro Ertrag pro Jahr sind weg. Nicht gerade nichts, möchte man sagen.


55 Prozent sind pragmatisiert

Anleger wie Experten wurden davon am falschen Fuß erwischt. Das ist insofern überraschend, als die „Presse“ bereits am 31. August berichtete, dass Quelle bei Hermes unterschrieben hat. Die Erste Bank ließ es sich jedenfalls nicht nehmen, die Post-Aktie den Anlegern noch am 2. November als sicheren Kauf zu empfehlen. Die Aktie biete „viel Spielraum nach oben“, das Kursziel liege bei 38,5 Euro je Post-Aktie.

Zum Zeitpunkt des Lobgesangs auf die Post notierte das Papier bei 28,59 Euro – danach ging es steil nach unten, vergangenen Freitag war die Post-Aktie 23 Euro wert. So etwas nennt man dann wohl Pech.

Nicht wirklich von Pech konnte die Rede sein, als Hermes der Post bereits im Juli das Paket-Geschäft mit den Großkunden Otto und Universalversand abjagte. Denn die in Scharen davon laufende Kundschaft zeigt den Aktionären vor allem eines: Die Post ist im freien Markt nicht wirklich wettbewerbsfähig.

Was vor allem daran liegt, dass sich die Post mit einem beträchtlichen Handicap im freien Markt zu bewähren hat: Von 24.456 Mitarbeitern der Post sind 55 Prozent Beamte. Und damit unkündbar und nicht versetzbar.

Fein für die „Betroffenen“ – weniger fein für Kunden und Aktionäre. Die Post ist schließlich so etwas wie ein börsenotiertes Amt, das einen Existenzkampf gegen flexible, serviceorientierte Konkurrenten aus der Privatwirtschaft auszufechten hat. Ein Kampf, der für die Post eher schwer zu gewinnen sein wird.

Wer wissen will, was in der Post schief läuft, fragt am besten bei Quelle nach. Die Antwort hat sieben Buchstaben: Service. Bevor ein Paket von Hermes an Quelle mangels Zustellbarkeit retourniert wird, hat es der Hermes-„Briefträger“ zumindest vier Mal über die Stiegen bis zum Adressaten geschleppt, erzählen die Herren von Quelle mit glänzenden Augen.

Fragt hingegen ein neugieriger Kunde der gemeinwirtschaftlichen Post, wann es ein in Wien verschicktes Paket nach Salzburg geschafft haben wird, bekommt er zur Antwort: „Vielleicht morgen. Vielleicht in drei Tagen.“ Bei Hermes kann sich der Kunde eine Zustellzeit aussuchen. „Das ist eine Service-Revolution“, wie Quelle-Chef Wolfgang Binder jüngst schwärmte.

Allerdings. Mit Revolutionen hat man es in der Post eben nicht so. Vor allem nicht, wenn es um mehr Service geht. Die Mitarbeiter hätten längst die Belastungsgrenze erreicht und mehr gehe halt nicht, wie Fritz nicht müde wird zu betonen. Bleibt nur zu hoffen, dass er irrt – Großkunden wie Quelle und Otto dürfte das nämlich nicht sonderlich interessieren.

Zudem wird es mit zusätzlichem Personal nichts werden. Die Post-Führung hat derzeit alle Hände voll zu tun, nicht mehr benötigte Mitarbeiter los zu werden. Allein im Vorjahr hat die Post in der Bilanz mit einem Aufwand von 270 Mio. Euro für die „Unterauslastung“ von unkündbaren Mitarbeitern vorgesorgt.


45 Gehälter Abfertigung

In der Post gibt es 500 Beamte, für die es zwar Geld, aber keine Arbeit mehr gibt. Im Schnitt sind diese Mitarbeiter 49 Jahre, sie verdienen rund 35.000 Euro im Jahr. Am Wiener Südbahnhof wurde für sie ein eigenes „Karriere-Centrum“ eingerichtet. Und wenn ein über 50-Jähriger Post-Beamter das Unternehmen vorzeitig in Richtung Ruhestand verlässt, erwarten ihn 45 Monatsgehälter Abfertigung.

Alles Dinge, die private Zusteller wie Hermes bestenfalls aus österreichischen Zeitungen kennen.


franz.schellhorn@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2007)