Eine Lanze für die Lehrer

Die Lehrer haben mein Mitgefühl, weil ich selbst nur aus Zufall gar keiner geworden bin.

In den arbeitsreichen Wochen zwischen Nationalfeier- und Leopoldi-Tag ist es in diesem Land unmöglich, nicht über die Schule zu diskutieren, mit heißen Ohren und kaltem Herzen, an den Stammtischen, aber auch in dieser stets um das Wohl des Landes besorgten Redaktion. Ich habe mich in dieser Causa bisher bescheiden zurückgehalten, und zwar aus sehr persönlichen Gründen.

Die Lehrer haben mein Mitgefühl, weil ich selbst nur aus Zufall gar keiner geworden bin. Wenn man als burgenländischer Fahrschüler in den Siebzigerjahren in Fürstenfeld in die Schule gegangen ist, gab es selbst unter Kreisky spärliche berufliche Chancen. Die Sandkistenfantasien im Bezirk Jennersdorf waren bescheidener als jene in Ybbs. Über Generationen war es der Traum jedes Burgenländers auszuwandern, um in New York ein Weinlokal zu führen. Die Erfüllung kleinerer Ambitionen bedeutete pendeln: Aufseher im Kunsthistorischen Museum mit Pragmatisierung!

Wer das nicht wollte, ging zur Gendarmerie, zum Zoll oder zurück in die Schule. „Geh doch zur Gendarmerie oder zum Zoll, das ist was Sicheres“, sagten meine Clan-Führer, nachdem ich überraschend die Matura bestanden hatte. Sie befürchteten, dass ich das Leben nicht bewältigen werde, weil ich konkrete Liebesgedichte schrieb und Bakunin las. „Der Bub liest Bücher, also wird er Lehrer“, lautete schließlich das Urteil.

So lernte ich die große Stadt Graz kennen und die weit verzweigte Familie der Pädagogen. Die meisten von ihnen sind, wie ich es sehe, gesetzeskonforme Leute, die etwas Festes wollen und deshalb dem Biotop des Klassenzimmers, seiner ewigen Wiederkehr des Gleichen, treu geblieben sind. Lehrer sind vom Phänotyp her Burgenländer, die es bis zur Oberaufsicht in der Kunstkammer geschafft haben. Nur ist es dort viel ruhiger.

Noch was zur Sicherheit: Die Gendarmen sind ausgestorben, bald werden es auch die Zöllner sein, aber die Lehrer halten sich, weil ihr Beruf sie zäh macht. Wer einmal versucht hat, mit 30 lebenshungrigen Fünfzehnjährigen auch nur 45 Minuten lang die Schönheit von Adalbert Stifters „Bergkristall“ zu ergründen, um danach im Konferenzzimmer zwischen Geografie-Fachkräften 0,2Quadratmeter Tischfläche für die Korrektur des Englisch-Tests zu behaupten, der weiß, wovon ich spreche. 20 Stunden – das ist ewig.

Im Vergleich zu einem erfindungsreichen Klassenvorstand sind durchschnittliche CEOs von Asfinag oder ÖIAG, von AUA oder Bawag harmlose Frühstücksdirektoren, ja sogar die Leistungen der Workaholics unter den Staatssekretären wird relativiert.

Deshalb biete ich meine Solidarität der bedrängten Lehrerschaft an: Die Schule braucht weniger Staatlichkeit und mehr Anarchie. Lasst euch eure Würde nicht nehmen von Image schädigenden Funktionären, deren Geist nicht über raffiniertes Zulagenwesen hinausreicht! Lasst ab von der verlogenen Nachhilfe-Schwarzarbeit, kämpft lieber selbst um leistungsbezogenen Lohn, am besten als Mitarbeiter in ganztägigen, offenen Schulen, die jeden nach seiner Begabung fördern. Und fordert größere Schreibtische in den Konferenzzimmern.

Wer das nicht will und es auch ins Kunsthistorische nicht schafft, kann ja die Tische in New Yorker Lokalen berühmter Burgenländer betreuen.


norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2007)

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