Wissenschaftler protestieren gegen einen Astrologie-Kurs am Wifi. Wankt die Grenze zu einer Pseudowissenschaft? Wird Esoterik öffentlich gefördert? Zu einer problematischen Mutter-Tochter-Beziehung.
Seitens der Österreichischen Gesellschaft für Astrologie und Astrophysik werden die Berufsaussichten für AstronomInnen auch für die Zukunft als durchaus aussichtsreich eingeschätzt.“
Hoppala! Dieser (am Freitag noch im Internet auffindbare) Satz aus einer Broschüre des österreichischen Arbeitsmarktservice (AMS) enthält natürlich einen Druckfehler: Statt „Astrologie“ muss es „Astronomie“ heißen. So freundlich ist die Beziehung zwischen der Wissenschaft Astronomie und der Para- oder Pseudowissenschaft Astrologie nicht. Dabei müsste ein Astronom objektiv zugeben: So schlecht scheinen die Berufsaussichten für Astrologen nicht.
Sonst würde das Wifi Wien, das Weiterbildungsinstitut der Wirtschaftskammer, nicht neuerdings eine „Ausbildung zum/zur Astrologen/-in“ anbieten. Der Kurs begann gestern, Freitag, er kostet 1980Euro und ist längst ausgebucht. Sein Ziel ist es laut Wifi-Information, „astrologisches Fachwissen so zu übermitteln, dass Sie eine professionelle Beratungstätigkeit ausüben können“.
Diplom „mit Sternengrüßen“
Den Kurs leitet Andrea Bacher, die auf ihrer Homepage (www.aquariusnet.at) „mit Sternengrüßen“ zeichnet, sich Diplom-Astrologin nennt und auf einer „freien Astrologieschule“ ihrerseits einen Diplomlehrgang namens „Aquariusnet“ anbietet. Sie kann sich nunmehr „Wifi Astrologie-Trainerin“ nennen. Auch am Wifi in St.Pölten läuft eine „Ausbildung zur/zum diplomierten ganzheitlichen Astrologin/Astrologen“, deren Besuch sogar vom Land gefördert wird.
Gegen diese Aufwertung der Astrologie durch eine Institution des öffentlich getragenen Bildungssystems wehren sich Astronomen der Wiener Uni. Gestern, Freitag, demonstrierten sie vor dem Wifi am Währinger Gürtel. Sie forderten: „Keine Astrologie-Ausbildung in Institutionen des öffentlich getragenen Bildungssystems.“
Andrea Martinschitz, Leiterin der Aus- und Weiterbildung am Wifi Wien, erklärt dazu trocken: Astrologen seien Mitglieder der allgemeinen Fachgruppe des Gewerbes der Wirtschaftskammer, und den Kammern obliege gemäß Wirtschaftskammergesetz das Anbieten von Aus- und Weiterbildung.
Astrologe: „Kein Einfluss der Gestirne“
Tatsächlich sind Astrologen in der Kammer seit zwei Jahren als selbstständige Berufsgruppe anerkannt, das bestätigt Peter Fraiss, Bundessprecher der Astrologen an der Wirtschaftskammer: „In Wien sind etwa 120, österreichweit 600 Astrologen registriert.“
Die Kritik der Astronomen will Fraiss nicht verstehen: „Was haben sie dagegen, wo sie doch nie Astrologie gelernt haben?“ Die Astrologie behaupte gar nicht, dass die Gestirne einen Einfluss haben! „Wir glauben nicht, dass da irgendwelche Strahlen herunterkommen. Die Sterne zeigen etwas an, ohne Ursache zu sein.“ Und überhaupt: „Die Astrologie ist keine Naturwissenschaft. Naturwissenschaft beschränkt sich auf das, was messbar ist. Aber seelische Zustände können Sie nicht messen.“
Freilich geben sie sich durch ihr ,Berechnen‘ von Horoskopen den Anschein, es würde etwas Naturwissenschaftliches dahinterstecken“, entgegnet der Wiener Astronom Josef Hron: „Was bleibt denn, wenn man das wegnimmt?“ Astrologie als Geisteswissenschaft vielleicht? „Na, da werden viele Geisteswissenschaftler wohl etwas dagegen haben.“ Es sei ein „starkes Stück“, dass sich die Astrologen überhaupt als Wissenschaftler bezeichnen.
„Die Anerkennung durch das Wifi ist ein Sprung, ein Schritt in eine Richtung, die uns nicht so recht ist“, warnt Astronom Franz Kerschbaum: „Irgendwann kommt Astrologie dann auch in die Schule...“
Es ist ja schon ziemlich lange her, dass sie die Schulen respektive Universitäten verlassen hat. Im 17.Jahrhundert, nachdem Johannes Kepler (1571 bis 1630) seine „Astronomia Nova“ (1609) geschaffen hatte, in der kein Platz mehr für Astrologie war. Was Kepler nicht davon abhielt, sich sein Leben lang mit ihr zu befassen und Horoskope zu erstellen. Der Kompromiss, den er fand, um das mit dem – gerade erst entstehenden – naturwissenschaftlichen Weltbild zu versöhnen, klingt erstaunlich modern: „Die Sterne zwingen nicht, sie machen nur geneigt.“
Was schon impliziert, dass ein Zusammenhang zwischen Sternen und Menschen nicht wirklich feststellbar ist. Bis heute gelang allen öffentlich zugänglichen Studien nicht, eine überprüfbare Korrelation zwischen von (naturwissenschaftlichen) Psychologen erfassbaren Eigenschaften eines Menschen und der Zeit seiner Geburt zu finden. „Die Astrologen scheuen sich vor falsifizierbaren Aussagen“, sagt Kerschbaum.
Ein Horoskop für alle Gläubigen
Nur scheinbar erfolgreich sind Studien, die die Testpersonen selbst beurteilen lassen, ob das ihnen erstellte Horoskop passt. Das zeigte der Franzose Michel Gauquelin, indem er allen (per Inserat gefundenen) Interessenten denselben (angeblich aus dem Horoskop gewonnenen) Text zusandte. 94Prozent waren mit der Beschreibung ihres Charakters zufrieden. Er beruhte allerdings auf dem Horoskop eines Massenmörders...
Der Rückzug vom Anspruch der Astrologie auf Überprüfbarkeit spiegelt sich in Keplers Beziehung zum Feldherrn Wallenstein wider, der, wie man von Schiller weiß, überzeugt war: „Die Sterne lügen nicht!“ Diesen Satz zitieren Verfechter der Astrologie gern, sagen aber nicht dazu, wie es weitergeht: „Die Sterne lügen nicht, das aber ist geschehen wider Sternenlauf und Schicksal.“
Wallensteins Schicksal
Schiller zeichnet den Sternenglauben Wallensteins durchaus als Indiz für seine – hemmende – Schicksalsergebenheit. Die Sterne täuschen ihn; Octavio, „geboren unter gleichen Sternen“, verrät ihn.
Immer wieder warnte Kepler den Feldherrn vor astrologischem Fatalismus, revidierte die Horoskop-Interpretationen. „Ich meines Teils sage Gott Dank, dass ich die Astrologiam so viel studiert habe, dass ich nunmehr von diesen Fantasien, welche in der Astrologorum Bücher häufig zu finden, gesichert bin“, schrieb er ihm 1625.
„Ein närrisches Töchterlein“ nannte Kepler die Astrologie geradezu liebevoll: „Aber lieber Gott, wo wollte ihre Mutter, die hochvernünftige Astronomie, bleiben, wenn sie diese ihre närrische Tochter nicht hätte...“ Denn erstens sei die Welt „noch viel närrischer“. Und zweitens seien „sonst der mathematicorum salaria so gering, dass die Mutter gewisslich Hunger leiden müsse, wenn die Tochter nichts erwürbe“.
Will sagen: Die Astrologie war einst die Lebensgrundlage der Astronomen. Für die Keplerschen Gesetze hätte Wallenstein wohl nichts bezahlt. Mit oder ohne Wifi-Diplom.
ASTRONOMIE/ASTROLOGIE
Anfangs waren sie eng verknüpft, in Babylonien und im alten Ägypten etwa, wo der zwölfteilige Tierkreis erfunden wurde, in dessen Zeichen die Gestirne (anfangs sieben) und der Aszendent geortet werden.
In der Renaissance trennten sich die beiden Disziplinen. Die Astrologie wird seither nicht auf Universitäten gelehrt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2007)